- Hermann SCHULLERN-SCHRATTENHOFEN -
Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Familie in Jahrbuch ADLER 1895.
Einleitung. Die Geschichte einer Familie kann von verschiedenen Standpunkten aus Interesse bieten. Zunächst ist es ein allgemein menschliches Interesse, das sich dem Leben der Familie zuwendet, in der es den Kern des Staates erkennt, die dem feinfühligen Menschen ein Heiligtum ist, vor dessen Türe mancher ungezügelte Geist Leidenschaft, Hab- und Ruhmsucht ablegt, um es nicht zu entehren, ja nicht einmal seinen heiligen Frieden zu stören. Der menschliche Geist gestaltet sich da oft eine Idealfamilie oder doch eine typische Familie aus und legt sie philosophischen, juristischen und sozialpolitischen Spekulationen zugrunde; die eigene oder überhaupt eine bestimmte Familie ist es da nicht, was in Betracht kommt, sondern eben ein Familientypus. Die Familie bietet weiter ein volkswirtschaftliches Interesse; in ihr trifft Individualismus und Altruismus vereint in Tätigkeit; in ihr werden wirtschaftliche Ziele verfolgt, die gar oft die menschliche Arbeitstätigkeit zum größten Eifer anspornen; in ihr kann man eine Volkswirtschaft im kleinen, ja im kleinsten erkennen. Für eine solche Betrachtung ist nun aber mit einem Familientypus nicht mehr viel zu machen, man muss schon wenigstens verschiedene Typen wählen, je nach Vermögen, Lebenshaltung, sozialer Stellung und noch nach anderen Momenten. Man wird vielleicht erkennen, dass es gut ist, wenn man statt künstlich konstruierter Typen für die Betrachtung und Darstellung bestimmte Familien wählt, die jenen durch Spekulation gewonnenen Typen am nächsten kommen. Man wird dann am wahrsten sein; wenn man den Namen der Familie gar nicht nennt, wird man am leichtesten beim Leser die Überzeugung voller Objektivität und Naturtreue hervorrufen. Von diesem Standpunkte aus wird man alle jene Momente in Betracht zu ziehen haben, welche für die wirtschaftliche Lage der Familie entscheidend sind; hat man gut gewählt, so wird die Geschichte dieser wirtschaftlichen Lage einen wertvollen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte überhaupt bieten. Ein weiterer Standpunkt ist der mit dem volkswirtschaftlichen in enger Beziehung stehende kulturgeschichtliche. Bei großen Geschlechtern kommt der rein historische Gesichtspunkt auch noch in Betracht. Das genealogische Interesse, dessen Zusammenhang mit dem geschichtlichen immer klarer in Erscheinung tritt, knüpft sich mehr oder weniger an jede Familie; jeder Mensch kann und soll ein Interesse daran haben, zu wissen, wer seine Voreltern waren, und er hat volles Recht, den Wunsch zu hegen, dass er auf sie, als auf seine Vorbilder, mit Verehrung zurückblicken dürfte. Schöpft der Mensch aus der ganzen Gesellschaft, der er angehört, die Nährstoffe seines Geistes und Leibes, so schöpft er sie ganz besonders aus seiner Familie, in deren Schoß er aufgewachsen ist, aus der er seine ersten Lehren gesogen hat, der seine Mutter, sein Vater angehörte, die für vielleicht zwei Jahrzehnte seines Lebens fast seinen ganzen Gesichtskreis ausmachte. Glücklich derjenige, der eine Familie besessen hat, der in einer Familie herangewachsen ist, die ihm noch in späteren Jahren als Heiligtum erscheinen kann und darf und deren er sich würdig erwiesen! Es kann als eine der wichtigsten Aufgaben des Staates betrachtet werden, die Familie und die Festigkeit ihrer Bande zu erhalten und zu stärken, und es ist vielleicht eine seiner höchsten sozialpolitischen Pflichten, denjenigen ihre Familie wiederzugeben, diejenigen in ihre Familie wieder einzufügen, welche die bisherige Entwicklung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse dem heimatlichen Herde entrissen oder denen sie diesen Herd zerstört hat. Das gilt von der Bauern-, von der Bürgers- und von der Adelsfamilie; da aber in der letzteren häufiger als in den anderen das Gedächtnis an vergangene Generationen aufrecht erhalten wird, weil mehr schriftliche Denkmale für diese zeugen, so ist eben auch die Adelsfamilie – im allgemeinen – ein dankbareres Objekt der Betrachtung. Aus demselben Grunde erben sich auch in Adelsgeschlechtern Traditionen der Vergangenheit kräftiger fort als sonst, so dass man bei ihnen vielfach mehr als anderswo vom Familiengeiste, vom Familiencharakter sprechen kann. Dies seinerseits bewirkt nun auch wieder, dass Adelsgeschlechter meist ein größeres Interesse für die Familiengenealogie zeigen als andere Geschlechter. Je bedeutender das Geschlecht ist, je mehr es in die Geschichte der Menschheit eingegriffen hat, je mehr sein Geist Einfluss auf die Gesamtheit gewonnen, umso mehr wird sich auch diese für seine Genealogie interessieren müssen. Wenn wir dann auch noch das heraldische Interesse hervorheben, das sich an eine Familie knüpfen kann, so haben wir doch noch lange nicht all das erschöpft, was uns die Familie des Interessanten bietet; es mag aber mit dem Gesagten genug sein. Ein umfassenderes, historisches Interesse kann unseren folgenden Ausführungen kaum zukommen, denn keine der Familien, die wir zu besprechen haben, hat ihren Namen in das Buch der Weltgeschichte eingetragen. Das genealogische Interesse mag auch nicht groß sein, das sie bieten, denn ihre Stammtafeln reichen nicht allzu weit zurück, und die Allianzen, die sie eingegangen haben, gehören meist derselben Gesellschaftsschicht an, aus der sie selber stammen. Das heraldische Interesse ist aus dem ersteren Grunde auch kaum sehr groß. Dagegen glaube ich, dass das kultur- und wirtschaftsgeschichtliche Interesse immerhin sich einer Schilderung zuwenden kann, die trachtet, uns über Leben und Treiben kleiner deutscher Adelsfamilien auf Grund urkundlichen Materials Aufschluss zu geben, die durch lange Generationen im Dienste des Vaterlandes mit Schwert und Feder ihren Schild stets rein erhalten haben von jedem Flecke, so sehr sie auch oft mühsam sich ihr Brot verdienen und für die Erhaltung ihrer sozialen Stellung im Schweiße des Angesichts arbeiten mussten. Eine Bevölkerungsschicht, die bisher gar wenig die Beachtung der Wissenschaft gefunden hat, soll an einigen, vielleicht nicht uninteressanten Beispielen der Öffentlichkeit vor Augen geführt werden, eine Bevölkerungsschicht, die, wie mir scheint, die öffentliche Betrachtung wohl verdienen würde, denn sie gehört mit zu den Grundpfeilern des monarchischen Staates. Folgende Familien werden anhand vorhandenen Urkundenmaterials behandelt: - Die Schueller und die Schueller von Schuelleren zu Schrattenhofen (von Schullern zu Schrattenhofen).
- Die Lachemayr von und zu Ehrenheimb und Madlein.
- Die von Weinhart zu Thierburg und Vollandsegg.
- Die Burglechner (Burgklehner) zu Thierburg und Vollandsegg.
- Die Edlen von Payr zum Thurn in Palbyth, Ritter.
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