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Es war in einem stillen entlegenen Posthause, mitten in den Bergen, und um die Zeit der Ernte. Alle Knechte waren auf dem Acker, der Posthalter, ein alter, von Gicht gelähmter Mann, und ein Stallbube waren da; in der Stube saß des Posthalters Tochter, ein schlankes, kräftiges Kind der Alpen, und beugte die frischen, von der Bergluft geröteten Wangen über ihr Nähzeug. Da rollte eine vierspännige Kalesche vor; der Alte kommt ins Zimmer geeilt: „Der Erzherzog Johann, der Erzherzog Johann ist da – und alle Knechte fort!“ „Der Erzherzog – der darf nicht warten!“ sagte das Mädchen, „ich will ihn fahren!“
Sie eilte fort, ehe noch der Alte eine Silbe erwidern konnte. Der Stallbube und der Postknecht von der letzten Station legten die Relaispferde vor. Unterdes holte das entschlossene Kind des Posthalters die neue Postillionsmontur, die für Galagelegenheiten verschlossen im Schranke hing, kleidete sich rasch um, und nach kurzer Verzögerung saß sie im Sattel, hoch zu Ross, nahm Zügel und Peitsche – und lustig rollten Reisewagen und Erzherzog weiter. Des Erzherzogs Auge fiel nach einer Weile auf die Gestalt des Postillions, der ihn fuhr. Diese leichten, schlanken Formen, diese Umrisse der Schultern, diese knappe Taille unter der dunkelroten Uniform mit den schwarzsamtenen Aufschlägen schienen ihm auffallend. Er knüpfe ein Gespräch mit dem hübschen „Schwager“ an. Dieser antwortete gescheit und treffend – das weiche Organ machte vollends den Verräter. „Du bist ein Mädchen!“ sagte der Erzherzog endlich. Sie erschrak. „Es war niemand auf Stundenweite, der Eure kaiserliche Hoheit hätte fahren können,“ sage sie stockend, „der Erzherzog Johann durfte nicht warten!“ Ihr Gesicht glühte dunkelrot – der Erzherzog musste es über alle Beschreibung reizend finden; denn das Ende der Geschichte war, dass er sagte: „Sie haben sich meinethalben zum Manne gemacht – ich kann nicht weniger tun, als sie zur Frau machen!“ - Dazu willigte sie gerne ein – wer aber nicht einwilligte, das war der Kaiser Franz, der doch auch gefragt werden musste. In der Burg zu Wien würde man ganz außer sich geraten sein über diese romantische Torheit, wenn man nicht aus vollem Halse gelacht hätte. Der Erzherzog aber betrieb die Sache sehr ernsthaft; er setzte seinen Kopf darauf und der Kaiser – musste am Ende nachgeben; er musste die Tochter des Postmeisters zur Baronin machen und – Johann heiratete sie. - Diese entzückende Geschichte ist zwar vom Anfang bis zum Ende eine Sage, aber so nett und schon so volkstümlich, dass man es nicht vergessen sollte. Historisch nachweisbar hat Erzherzog Johann die Anna (Maria Josefa) PLOCHL, geboren als Tochter des „Spediteurs“ Jakob PLOCHL und der Anna Maria PILZ am 9.1.1804 um 4 Uhr früh in Aussee Nr. 26, am 28.8.1819 bei einem ländlichen Feste am Waldufer des Toplitzsees (östlich vom Grundlsee) kennen gelernt. Der Erzherzog (geboren am 20.1.1782 in Florenz als Sohn des Kaisers Leopold II. und der Prinzessin Maria Ludovika, Tochter des Königs Karl III. von Spanien), damals 38 Jahre alt, war ganz von dem Zauber des schönen Mädchens ergriffen. Nach verschiedenen Porträts (von Johann ENDER, Kriehuber) war Maria Anna PLOCHL eine ganz reizende Erscheinung, frisch, lebhaft und geistvoll, den Teint vom zartesten Weiß, dunkle Augen und fein geschnittenem Mund. Am 2.9.1823 fand auf dem „Brandhof“ die heimliche Hochzeit des Brautpaares statt. Im Jahre 1827 erlangte der Erzherzog endlich vom Kaiser Franz I., seinem Bruder, die Bewilligung zur offiziellen Eheschließung, die dann im „Brandhof“ (bei Vordernberg) am nördlichen Abhange des Seeberges in Obersteiermark, am 18.2.1829 um Mitternacht erfolgte. Der Kaiser verlieh Anna PLOCHL am 4.7.1834 den Titel einer Freifrau von Brandhofen; am 11.3.1839 gebar sie ihrem Gatten einen Sohn Franz, der am 9.4.1844 vom Kaiser Ferdinand in den Grafenstand mit dem Prädikate „von Meran“ erhoben wurde. Am 30.1.1845 kaufte der Erzherzog für seine Familie das Schloss „Schenna“ von der damaligen Eigentümerin, Witwe Maria HINTERWALDER, geboren LEDERER von LEWENECK (geboren 6.9.1809 in Innsbruck, gestorben 7.10.1845 in Schenna, seit 9.7.1832 Gattin des Jakob HINTERWALDER, gestorben 1845), am 27.5.1845 nahm er von seinem neuen Tusculum feierlich Besitz und am 13.5.1851 gab er in Meran ein großes „Hausschießen“, das uns ein Teilnehmer, David SCHÖNHERR, in fesselnder Weise schildert. In der Folgezeit verbrachte Erzherzog Johann, durch „Blut und Eisen“ mit Tirol verwachsen, jedes Jahr einen Teil des Sommers in Schenna. Nach der Rückkehr des Erzherzogs von Frankfurt, wo er als Reichsverweser 1848-1849 wirkte, erhielt Anna PLOCHL den Titel einer Gräfin von Meran (1850); ihr Sohn Franz vermählte sich am 8.7.1862 mit Therese Gräfin von LAMBERG, einer Tochter des am 28.9.1848 von einem entfesselten Pöbelhaufen auf der Kettenbrücke zwischen Pest und Ofen grausam ermordeten Feldmarschall-Leutnants Franz Grafen LAMBERG. Nach dem Tode (11.5.1859) des von ihr vergötterten Gatten, den sie „mein Erzherzog“ nannte, zog sich Anna nach Graz zurück, reiste jedoch alljährlich nach Schenna, wo sie den Bau des Mausoleums beaufsichtigte (1860-1869), das seit 1869 den Leichnam des Erzherzogs birgt. Annas angeborenes einnehmendes Wesen, verbunden mit einem feinen richtigen Takte im Verkehre mit den höchsten Gesellschaftskreisen, ebenso wie mit Leuten aus dem Volke, eroberte ihr die Herzen aller und ihrer Popularität in Tirol war nicht geringer als, 300 Jahre früher, die der schönen Philippine WELSER, wie überhaupt diese beiden tirolischen Mesalliancen: Erzherzog Ferdinand II. mit Philippine WELSER (1577) und Erzherzog Johann mit Anna PLOCHL (1827) viele gemeinsame Züge tragen. Im Kreise ihrer Familie und ihrer Enkel verbrachte sie ihre letzten Lebenstage in Graz. Kurz vor ihrem Tode brachte man das „Nanerl“, ihrer letzten Sehnsucht Rechnung tragend, nach Aussee, wo sie in dem Hause (heute Hotel „Post“), wo sie geboren wurde, am 4.8.1885 ihre Augen schloss. Ihren Leichnam brachte man nach Schenna, wo ein prachtvoller marmorner Sarkophag die im Leben Vereinten auch im Tode umschließt. Franz Graf von MERAN, der Sohn der Anna PLOCHL, starb am 27.3.1891 in Abbazia. Wegen seiner hohen Abkunft verlieh ihm der Kaiser den „Orden des goldenen Vließes“. Von den Söhnen des Franz war Rudolf, geboren Graz, 9.12.1872, in der Zeit vom 23.6.1917 bis 20.11.1918 Statthalter von Tirol, Johann, geboren 26.1.1867 in Graz, ehelichte Ladislaja Gräfin LAMBERG, Franz, geboren Graz, 5.10.1868 Maria Prinzessin LIECHTENSTEIN und Albrecht Graf MERAN, geboren Graz, 11.12.1874, wurde Priester, Kurat in Grundlsee, und starb im Juli 1928 in Baden bei Wien. Die weitere Genealogie dieser heute noch in zahlreichen Nachkommen blühenden Familie findet man in den „Gräflichen Taschenbüchern“, Verlag Justus Perthes, Gotha, 1847 bis 1941. Die Grafen von MERAN des 19. Jahrhunderts sind mit den Grafen von TIROL-MERAN, die mit Albert II. im Jahre 1253 erloschen, natürlich nicht zu verwechseln, ebenso nicht mit den Herzogen von MERAN (Meranien), die mit Herzog Otto VIII., geboren 1218, gestorben 19.6.1248, seit 1234 Gatte der Elisabeth von TIROL, Tochter des genannten letzten Grafen Albert II. von TIROL, ausstarben. Meranien ist ein Küstenstrich südlich von Istrien. QUELLE: - GRANICHSTAEDTEN-CZERVA, Rudolf - „MERAN – Burggrafen und Burgherren“, 1949, Seite 175-178.
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