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Der Adel im Leben Tirols
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Monday, 12 March 2007
Article Index
Der Adel im Leben Tirols
Grundherr u. Bauer
Adelsbesitz Gestern u. Heute
Adelsherrn als Kulturträger
Adel u. Kunst
Adelige im priesterlichen Beruf
Soziales Wirken des Adels
Adelige als Dienstherrn
Großgrundbesitzer als Volksvertreter
Waffendienst fürs Vaterland
Schlusswort

6. Adelige im priesterlichen Beruf

Die Zeit, in der Vertreter der ersten Familien des Landes auf Bischofsthronen saßen oder klösterlichen Gemeinschaften als Äbte vorstanden, war durch eine Blüte der Kunst­ und Wissenschaftspflege gekennzeichnet. Auch auf rein kirchlichem Gebiet sind gewissenhafte, seeleneifrige und gesunden Reformen zugeneigte Würdenträger adeliger Herkunft in Ehren zu nennen; nur ausnahmsweise hört man von Männern, die zuerst das eigene Wohl und dann erst das der anvertrauten Herde gesucht haben.

Überblickt man die lange Reihe der Fürstbischöfe von Brixen seit dem Beginn der Neuzeit, findet man die glanzvollen Namen der Kardinäle und Renaissancefürsten Bernhard von CLES (1539) und des Christoph III. von MADRUZZ (1578-1591); beide waren zugleich auch Fürstbischöfe von Trient. In einem sicherlich wohlüberlegtem Wechsel von adeligen und bürgerlichen Oberhirten saßen u.a. auf dem Brixner Bischofsthron fünf Grafen SPAUR, ein Graf THUN, ein Freiherr von WELSBERG, der unermüdliche Visitator Johann Franz Graf KHUEN (Bischof von 1685-1702), der tüchtige Kaspar Ignaz Graf KÜNIGL (1702-1747), der edelmütige und verschwenderisch wohltätige Karl Franz Graf LODRON (1791-1828), der fromme Johann von LEISS zu Laimburg (1879-1884). Wenig glücklich erwies sich die Wahl des erwähnten Wilhelm Freiherrn von WELSBERG (1628-1641); ihm kam es mehr auf die Pfründe an, er residierte nicht einmal in Brixen [1]! Als einer der tüchtigsten in einer Reihe vorzüglicher Fürstbischöfe aus dem Adelsstande ist dagegen zu nennen u.a. Christoph IV. Andreas Freiherr von SPAUR, geboren auf dem Nonsberg im Jahre 1543, seit 1574 Bischof von Gurk, von 1601 bis zu seinem Tode im Jahre 1613 Fürstbischof von Brixen. Er war der große Reformator seiner Diözese und belebte ihr religiöses Leben durch Gründung des Priesterseminars, durch Kloster- und Schulgründungen, nicht zuletzt durch sein persönliches Beispiel. Wegen seines Gebetseifers und seiner Freigebigkeit allseits verehrt und beliebt, habe man ihn nach seinem Tode "MEHR MIT LOBSPRÜCHEN ALS MIT ERDE BEDECKT" [1a].

Der persönlichen Zusammensetzung des Brixner Domkapitels haben Professor Leo SANTIFALLER und Diözesanarchivar Kanonikus Dr. Karl WOLFSGRUBER gründliche Forschungen gewidmet [2]. Weil entweder adelige Geburt oder ein fünfjähriges Hochschulstudium und Erlangen eines akademischen Grades eine Aufnahmebedingung war, überwiegt die Zahl adeliger Dornherrn. Dr. Wolfsgruber nennt aus der Zeit zwischen den Jahren 1500 und 1803 im ganzen 203 adelige und 60 bürgerliche Mitglieder des Domkapitels. Es ist allgemein menschlich, daß nicht alle, seien es Adelige oder Nichtadelige, ihrem Standesideal entsprochen und die mit der Pfründe verbundenen Pflichten erfüllt haben; man kann keinen allzustrengen Maßstab anlegen, weil jene einträglichen Stellen mehr aus Versorgungsgründen als nach Verdienst verliehen zu werden pflegten und nicht die Priesterweihe, nicht einmal die Volljährigkeit verlangt war, sodaß schon achtjährige Fürstensöhne in den Bezug der Pfründe kamen. Trotzdem lesen wir von vielen frommen, wohltätigen, auch von gelehrten Brixner Domherrn, deren Andenken in allen Ehren steht.

Die Liste der Fürstbischöfe von Trient weist vom Beginn der Neuzeit bis zum Jahre 1818 nur adelige Namen auf. Man ist versucht an ein Erbfürstentum zu denken, wenn man an die vier aufeinanderfolgenden Fürstbischöfe aus dem Hause MADRUZZ denkt, von denen die drei ersten Kardinäle waren; sie regierten zwischen 1539 und 1658. Gewiß waren sie hervorragende Kulturträger, doch lieferten galante Abenteuer Romanstoff! Als heiligmäßiger Bischof wird der fromme Johann Nepomuk von TSCHIDERER zu Gleifheim verehrt, geboren am 15. April 1777 zu Bozen, zum Bischof erhoben 1832, als Fürstbischof von Trient eingesetzt im Jahre 1835, dort gestorben am 3. Dezember 1860 [3].

Auch unter den Erzbischöfen von Salzburg ist der Tiroler Adel mehrfach vertreten; Grafen KHUEN-BELASY, LODRON, THUN, FIRMIAN zählen gleich ihren aus Tiroler Bauern- und Bürgerfamilien hervorgegangenen Nachfolgern HALLER, KATSCHTALER, RIEDER, WAITZ, ROHRACHER zu den am meisten geschätzten Salzburger Kirchenfürsten.

Um wenigstens einen einzigen Namen hervorzuheben, weise ich auf eine Bemerkung im eingangs erwähnten "Österreich-Lexikon" hin, es habe der von 1687-1709 regierende Erzbischof Johann Ernst Graf THUN durch seine umfangreiche Bautätigkeit das Bild Salzburgs noch heute wesentlich bestimmt.

Ich konnte hier nur einige berühmte Namen aus den Reihen der Landesbischöfe nennen. Einen weiteren Kreis erfaßt Nikolaus von PRERADOVICH in seiner Abhandlung: "Tiroler Edelleute als österreichische Kirchenfürsten des 18. Jahrhunderts". Er zählt 23 im süddeutschen Raum herrschende geistliche Oberhirten tirolischer Herkunft aus einem einzigen Jahrhundert auf [4]. Er schreibt wörtlich: "Der Tiroler Adel stellte nahezu zwei Drittel der aus dem österreichischen Adel erwachsenen Kirchenfürsten. Diese erstaunliche Beteiligung ist auf die Aktivität des Tiroler Adels zurückzuführen ... Was an Österreichs Adel aktiv war, das stammte aus dem Heiligen Land Tirol."

Ich möchte auch einige Äbte und Pröpste aus dem heimischen Adel nennen, die tirolischen Klöstern seit dem Beginn der Neuzeit vorgestanden sind.

WILTEN: Adrian ZACHER [5] schreibt in seinem Abriß der Klostergeschichte, daß Johannes von FREISING (Abt von 1688-1698) der erste war, der an der neugegründeten Innsbrucker Universität zum Doktor der Theologie promoviert wurde (1677). "Als Abt bewies er sich als ausgezeichneter Verwalter der geistlichen Angelegenheiten seines Klosters." - "Unter Abt Gregor von STREMER (1698-1719) erhob sich das Stift zu neuem Glanze." Adrian Zacher lobt dessen Klugheit, dessen Sorgfalt um die Ordensdisziplin, dessen religiösen Eifer, verbunden mit gutem Beispiel, auch sein gutes Verwaltungstalent. - Adrian Zacher lobt des weiteren an seinem Nachfolger Martin von STICKLER "eine Verwandtschaft des Geistes" als vortrefflicher Oberer und trefflicher Haushalter. Besonders lobt er Martin von Sticklers Verständnis für Kunst und Wissenschaft, die sich auch im Bau des schönen Bibliothekstraktes äußerte. - An Norbert von SPERGS, der Bruder des an anderer Stelle rühmlich erwähnten Joseph von Sperg(e)s, der schon vier Jahre nach seiner Wahl im Alter von 52 Jahren starb, wird die Vergrößerung des Wiltener Schulgebäudes und die Begründung der kostbaren Gemäldesammlung des Stiftes mit Lob bedacht.

STAMS: Das Album Starrsense [6] bringt ein Verzeichnis der Äbte mit knappen Personaldaten. Abt Franz von LACHEMAYR (1699-1738) ist schon als tüchtiger Sekretär seines Vorgängers erwähnt (S. 45); er vertrat das Stift in Rom in schwierigsten Angelegenheiten. Abt Augustin von KASTNER (1714-1738) ist auf S. 47 als Mann von großem Ansehen beschrieben, der keinem anderen Abt nachstehe. Abt Vigilius von GRANICHER zu Granichsfeld (1766-1786) ist auf S.68 als eine Persönlichkeit bezeichnet, die zu allem Großen geboren war und groß war im allgemeinen Lob.

ST. GEORGENBERG-FIECHT: POCKSTALLER's Chronik [7] nennt als 47. Abt den Ulrich KRAUS von Krausburg (Abt von 1660-1670). Er habe zum besten Nutzen des Konventes und des Klosters regiert. Aus seinem beträchtlichen, dem Stift zugebrachten Vermögen habe er viel ausgegeben für die Verschönerung der Kirche, für den Neubau der Sakristei und Anschaffung neuer Ornate. Er ließ auch das Wallfahrtskirchlein Maria-Tax ober Stans errichten. Abt Gotthard III. von GRUSTNER aus Eppan, erwählt 1710, abgedankt 1721, gestorben 1723, baute das Stift Fiecht weiter aus und ließ auch die Wallfahrtskirche auf St. Georgenberg neu decken. Nach seinem Rücktritt zog er sich als Einsiedler nach Maria-Tax zurück [8].

NEUSTIFT BEI BRIXEN: Anselm SPARBER [9] nennt die Zeit des Propstes Fortunat von TROYER eine Zeit der Blüte und des Glanzes für Neustift. Er schildert ihn als mustergültigen Prälaten, als angesehenen Gelehrten und theologischen Schriftsteller, auch als kunstsinnigen Bauherrn, dem auch die im Jahr 1696 geweihte Gnadenkapelle an der Seite der Stiftskirche zu verdanken ist. (ebendort S. 91) Auch Propst Augustin von PAUERNFEIND (1707-1721) ist als "ein in jeder Hinsicht vortrefflicher Stiftsvorstand" bezeichnet. Sparber rühmt ihn als tüchtigen Theologen, Philosophen und Rechtskundigen, nebenbei als vortrefflichen Organisten. Unter ihm wurde von 1708-1713 die Prälatur neu erbaut. (S. 94) Alfons von ROST (1721-1728) wird als frommer Mann gerühmt; er habe sich besonders der Ordensdisziplin angenommen und selbst das beste Beispiel gegeben. (S. 94) Christoph von PACH (1728-1737) konnte sich wegen dauernder Kränklichkeit wenig betätigen, doch ließ er 1735 den barocken Umbau der Stiftskirche beginnen, der sie von seinen Nachfolgern fortgeführt und 1767 vollendet zu einem der schönsten Gotteshäuser Tirols gestaltete. (S. 100 ff.) Leopold von ZANNA zu Königstein (1767-1787) förderte in seinem Stift die theologischen Studien. Der Neubau der Bibliothek (1771-1778) ist ein Denkmal seines Kunstverständnisses.

INNICHEN: Georg TINKHAUSER [10], nennt unter den Pröpsten des Kollegiatstiftes Innichen klangvolle Namen, so Johann von SCHLEINITZ (1515-1518), später Bischof von Meissen, Johann Thomas von SPAUR (1549-1542, dann 1556-1558), später Fürstbischof von Brixen, Caspar Ignaz Graf KÜNIGL (1692-1747), seit dem Jahr 1702 zugleich auch Fürstbischof von Brixen. Johann von RECORDIN (Propst von 1747-1781) wirkte seit 1755 nebenbei als infulierter Propst zu Regensburg. Gleich seinen Vorgängern residierte er nur gelegentlich in Innichen, doch war er dem Stift sehr gewogen; er vermachte ihm ein Kapital von 1200 Gulden und stiftete den heute noch vorhandenen Ornat aus Gold- und Silberbrokat. Carl Graf von WOLKENSTEIN (gest. 1782) war der letzte Propst vor der Josefinischen Klosteraufhebung im Jahre 1785. Dem von Kaiser Franz Il. wiederhergestellten Stift stand Johann von KRIPP vor, doch im Jahre 1808 hob die bayrische Regierung das Stift neuerlich auf. Propst Johann von Kripp starb schon zwei Jahre später aus Gram über jenes Schicksal seiner geistlichen Heimat.

MARIENBERG: Georg TINKHAUSER [11] nennt den Abt Jakob von GRAFINGER zu Salegg (1640-1653) einen Freund der Wissenschaften und der Kunst; er ließ die Stiftskirche um den damals sehr beträchtlichen Betrag von 15.000 Gulden umbauen. Auch übte er edle Geistlichkeit gegen Ordensbruder, die zur Zeit des 30jährigen Krieges nach Marienberg geflüchtet waren. (ebendort, S. 59) Franz von PACH (1663-1705) steht in segensvollem Andenken als gelehrter Mann von friedlicher Natur, zugleich als kluger Ökonom. (S.69) Franz Maria von DINSEL zu Angerburg (1771-1782) war ein eifriger Seelsorger und Freund der Wissenschaften. Besondere Sorgfalt widmete er dem Gymnasium seines Ordens in Meran.

GRIES BEI BOZEN: Der Propst des ehemaligen Augustinerstiftes Gries (nun Benediktinerstift Muri-Gries) Albert Martin von PRACK (1753-1781) wird von Atz und Schatz [12] als gelehrter und frommer Mann geschildert, der aber im praktischen Leben und in der Verwaltung geringere Fähigkeit zeigte. HOHENBÜHEL [13] drückt sich genauer aus: er sei ein tüchtiger Dogmatiker gewesen, doch habe er das Stift durch den im Jahr 1767 allzu prächtig begonnenen Neubau der Stiftskirche an den Rand des Abgrundes gebracht. Jetzt allerdings wird jenes Gotteshaus als ein in Tirol einzigartiger, von italienischen Vorbildern beeinflußter Spätbarockbau bewundert [14].

SCHNALS: Der Karthause stand von 1778 bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 1782 P. Ambros (Johann Nepomuk) von WINKHLER zu Colz (1731-1782) als Prior vor. Vorher war er Reiteroffizier und das Reiten blieb auch weiter sein einziges Vergnügen. Als Ordensmann war er von seltener Bescheiden- und Gutherzigkeit. Er starb vier Monate nach dem Ende seines Klosters durch einen Sturz vom Pferd [15].

WÄLSCHMICHAEL (S. MICHELE AN DER ETSCH): Der Abt des dortigen Chorherrenstiftes Georg Adam von TEUTENHOFEN, gestorben 1716, wird als Ordensmann von beispielgebender Sanftmut gerühmt [16]. Eine bedeutende Persönlichkeit war auch Propst Franz Josef SCHEITER von Lebmannsegg, der Mitglied der Academia Taxiana war [16a].

DEUTSCHER ORDEN: Im allgemeinen bieten die "Urkundlichen Beiträge zur Geschichte des Deutschen Ordens in Tirol" von P. Justinian LADURNER [17] erfreuliches.
Ladurner befaßt sich allzu weitläufig mit den fortwährenden Kompetenzkonflikten zwischen dem Orden einerseits und den Landesbischöfen oder den landesfürstlichen Behörden andererseits, auch mit den Schwierigkeiten, die kleinen Berggemeinden bereitet wurden, die von den Pfarreien des Ordens allzuweit entfernt eigene Kaplaneien errichten wollten. Prozeßakten sind langlebiger als Berichte über gute Taten. Auch der Skandal, daß der Landkomtur der Ballei an der Etsch Lukas RÖMER zu Marötsch (1560-1573) nach übler Amtsführung schließlich seine geistliche Würde niederlegte, um zu heiraten, schlägt höhere Wellen als das unauffällige Wirken pflichtbewußter Ordensleute. Immerhin war auch manches Gute zu berichten. So wird Nikolaus VINTLER (Landkomtur 1638-1661) als guter Verwalter und Urheber frommer Stiftungen gewürdigt, ebenso sein Nachfolger Johann Jakob Graf THUN (1662-1701) als überaus frommer und wohltätiger Mann. Auch zum Verbessern von Ordensgütern tat er viel aus eigenem Vermögen. Desgleichen opferte der Landkomtur Johann Heinrich Freiherr von KAGENEGG (1709-1743) große Kapitalien für den marmornen Johannesaltar der Bozner Pfarrkirche, für ein Pfründnerhaus zu Bozen und ein Spital zu Weggenstein (Bozen).

Ein Tiroler Edelmann war Abt des steirischen Benediktinerstiftes Admont. Franz Ritter von HEUFLER, geboren 1631 in Castelfondo, hatte schon in der Jugend in Admont studiert, er trat unter dem Ordensnamen Adalbert in den Orden ein, erwarb in Rom das Theologische Doktorat und wirkte zuerst als Professor und Dekan an der philosophischen Fakultät in Salzburg, dann sehr verdienstvoll als Abt des Stiftes Admont bis zu seinem Hinscheiden im Jahre 1696. Hervorragend bewährte er seine Tatkraft zur Zeit des Türkenkrieges von 1683. Über Ersuchen des Landes Steiermark leitete er erfolgreich die Verteidigung des nördlichen Landesteils. Ihm wurde dafür der Ehrentitel "PATER PATRIAE STYRIAE" zuteil. Als eifriger Verehrer der Gottesmutter fand er in der Marienkirche zu Kulmbach, eine Stunde von Admont, die er instandgesetzt hatte und in vielen Wallfahrtsgängen besucht hatte, die letzte Ruhestätte [17a].

Das bayrische Stift Roggenburg bei Weißenhorn, Diözese Augsburg, hatte einen berühmten Abt in der Person des Hugo LINTNER Edlen von Volderthurn, geb. zu Hall in Tirol am 7.4.1652, zum Abt erwählt am 18.2.1694, verstorben am 3.8.1722 [17b].

Wenn wir in die Geschichte des Hochadels Einblick nehmen, erfahren wir von manchen Persönlichkeiten, die im Inland oder Ausland in kirchlichen Ämtern an führender Stelle wirkten. Zum Beispiel treffen wir im 18. Jahrhundert den Grafen Franz BRANDIS als Generalvikar der Erzdiözese Toulouse an und später als Abt von St. Loo, dagegen aber um 1430 den Karthäuser in der Klause zu Schnals Thomas von Brandis, dann im 19. Jahrhundert die Gräfinnen Maria Josepha, geb. 1815, und Maria Theresia, geb. 1851, als Barmherzige Schwestern, den Grafen Erich Brandis, geb. 1834, als Jesuitenpater [17c]. Man sollte also nicht nur von Bischöfen und Ordensvorständen sprechen, sondern auch der vielen volksverbundenen Ordensleute und Landgeistlichen aus dem heimischen Adel gedenken! So viele aus ihren Regen haben abgesehen von ihrem seelsorglichen und karitativen Wirken auch Bedeutendes für die örtliche Kultur- und Kunstpflege getan. Freilich kann ich nur auf wenige Namen hinweisen, um nicht allzu ausführlich zu werden.

Georg TINKHAUSER erwähnt zum Beispiel in seiner Diözesanbeschreibung eine "Reihe berühmter Pfarrer von Fügen" [18], darunter den Matthias von JENNER (Pfarrer von 1658-1677), den späteren Stifter des Benediktinerinnenklosters auf Säben [19], den Franz Freiherrn von ENZENBERG (1740-1760), den Franz Titus von MÜHLSTÄTTER (1785-1793) aus einer seit dem Jahr 1511 immatrikulierten Osttiroler Familie. Tinkhauser lobt alle drei als gebildete, seeleneifrige Priester mit guter Begabung zur Seelsorge.

In Hall ist der tatkräftige Pfarrer Joseph von WALLPACH (Pfarrer von 1700-1745), der auch wertvolle Aufzeichnungen hinterließ, noch unvergessen.

In Bruneck waltete Dekan Joseph Matthias von INGRAM zu Liebenrain (geb. 1707, gest. 1783) als Seelsorger [20]. Er war wohltätig und kunstsinnig. Während seiner Amtstätigkeit wurde die dortige Spitalkirche von 1758-1760 neu erbaut. Zwei von ihm gestiftete reizvolle Rokokoaltäre tragen sein Wappen. Nach einer im Jahre 1969 abgeschlossenen Restaurierung strahlen sie gleich der übrigen Kircheneinrichtung wieder in alter Schönheit.

In Bozen steht eine lange Reihe hochadeliger Stadtpfarrer als tüchtige Seelsorger und Kulturträger in bestem Angedenken [21]. Jakob de ALBERTIS (gest. 1680), Johann Franz Graf KHUEN, der spätere Fürstbischof von Brixen (Propst von 1682-1685), Karl Franz von CAZAN (gest. 1711), Rudolf Graf TROYER (gest. 1746), Joseph David Graf SARNTHEIN (gest. 1796); er war ein besonderer Förderer der Propsteibibliothek, Johann Nepomuk von BUOL (gest. 1813), Anton Alderik von JÄGER (gest. 1819), Benedikt von RICCABONA (Propst von Bozen 1851-1854, dann Bischof von Verona und von 1861 bis zu seinem Tode im Jahre 1879 Fürstbischof von Trient). Wenn auch noch auf das "heilige Pröbstl von Bozen", Edmund Leonhard Joseph Grafen KHUEN-BELASY (gest. am 28.9.1777) [22], den gütigen Wohltäter verlassener Kinder, hingewiesen wird, begeben wir uns in ein Gebiet, das im nächsten Kapitel: "Das soziale Wirken des Adels" behandelt wird. Wir müssen auf jenen frommen, selbstlosen Seelsorger als auf ein Beispiel aus vielen hinweisen. Die bisherige Darstellung hat sich nämlich im Anschluß an die Abschnitte über Kultur- und Kunstpflege des Adels allzusehr mit führenden Persönlichkeiten und äußerer Repräsentation befaßt; man könnte vielleicht den Eindruck gewinnen, es hätten sich Adelige als Welt- und Ordenspriester immer an leitende Stellen gedrängt. Auch wer die "Nonnen von Sonnenburg" nur als Romanfiguren kennt, ist verleitet vornehme Klosterfrauen als Inbegriff der Herrschsucht und Eigenwilligkeit zu betrachten. Er übersieht dabei die Fülle von Wohltaten in Nöten des Leibes und der Seele, die von herzensguten gottgeweihten Männern und Frauen jedes Standes ins Volk hinausgeflossen sind.

Wer als Kirchenfürst Geschichte macht, steht freilich mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit, er überschattet das stille Wirken derer, die bescheiden und unauffällig ihre übernommenen Pflichten gegen Gott und Mitmenschen erfüllen, nachdem sie vielfach auf ein Leben in Wohlstand und Ansehen verzichtet hatten. Sankt ROMEDIUS, sicherlich eine historische Persönlichkeit, war ein Herrensohn aus mächtigem Geschlecht [23]; er entsagte seinen Gütem, er lebte und starb als Einsiedler auf dem Nonsberg!

Wenn wir in den Schematismen der heimischen Bistümer blättern, überrascht uns die Fülle klangvoller Namen, deren Träger einfache Kapläne oder Hilfspriester waren. Hermann von GILM (1812-1864) zum Beispiel hatte einen jüngeren Bruder, der in Innsbruck Gefangenenseelsorger war. Der große Dichter ist unvergessen, an den kleinen Kaplan Otto von GILM (geb. 20. Oktober 1824) denkt niemand mehr [24]! Er war ein guter, frommer Priester; auch das ist, Gott sei Dank! nichts Ungewöhnliches. Sicherlich hatte er seinen Freundeskreis, aber seine Bekannten sind längst schon verstorben. Die Art seines Todes war jedenfalls Stadtgespräch, doch gab es seither andere Geschehnisse, die Aufsehen erregten. Ich aber weiß noch aus meiner Jugend, was meine Großmutter darüber erzählte: Irgendeiner machte aus Bosheit den schlechten Witz, den herzleidenden Geistlichen in kalter Nacht aus dem Bett herauszuläuten; ein Sterbender bedürfe seiner! Kaplan Otto von Gilm eilte ungesäumt hinaus und suchte vergeblich nach dem Kranken. Tags darauf, am 3. November 1877, starb der eifrige Priester an einer Herzlähmung, erst 53 Jahre alt. Als einziger, der noch vom Grund seines vorzeitigen Hinscheidens weiß, will ich Zeugnis geben von jenem Opfer seines Pflichtbewußtseins!

Sehen wir in den Totenbüchern der Ordensgemeinschaften nach, finden wir z.B. einen Freiherrn von ENZENBERG unter den Kapuzinern, mehrere Freiherrn und Grafen FIEGER und STACHELBURG unter den Serviten. Die von mir angelegte Kartothek über die aus Hall gebürtigen Priester nennt z.B. als Augustinerchorherrn von Neustift den Burchardt von KRIPP (gest. 1571), Ignaz (Candidus) von SAVELSBERG (1703-1770), (Martin) P. Benno von WENTZL (1667-1744), (Franz Xaver) Balthasar von WENTZL (1698-1747), dann als Franziskaner den (Franz Xaver) P. Anton von FISCHER (1715?1775), (Matthias) P. Desiderius von FISCHER (1709-1776), (Johann Baptist) P. Philipp Benitius von REINHART (1759-1796), (Engelhard) P. Cherubim von WENTZL (1673-1722), ferner als Jesuiten: P. Abis von ATTLMAYR (1815-1889), P. Johann Anton von WALLPACH (1705-1772), P. Josef von WENTZL (1676-1755), als Kapuziner: (Johann Josef) P. Emerich von FISCHER (1686-1760), als Prämonstratenser von Wilten: (Alphons) Markus von PAYR (1835-1909), als Serviten: (Karl) P. Seraphin Maria von GUARINOM (1599-1644), P. Silverius Maria von TROYER (gest. 1728), als Zisterzienser von Stams: (Karl Albin) P. Florian von ATTLMAYR (1836-1897), (Max Michael) P. Meinhard von ATTLMAYR (1826-1879), (Ignaz) P. Valentin von FISCHER (1683-1724), (Felix) P. Benedikt Freiherr von GIENGER (1694-1770).

So viele adelige Ordensleute gab es aus einer einzigen Stadt! Nur ausnahmsweise ist von erreichter höherer Würde berichtet. Daher ist anzunehmen, daß sie sich ohne Vorbehalt ihrer Gemeinschaft eingefügt hatten und so wie andere Ordensleute ihren Gelübden getreu lebten und wirkten. Sie zeigten ihre Vornehmheit und innere Größe im Entsagen und Dienen!

Dem Königlichen Stift in Hall gehörten fünf Erzherzoginnen von Österreich, zahlreiche Gräfinnen und Baroninnen an neben bürgerlichen Mitgliedern. Das Totenbuch des Stiftes berichtet von den einfachen Diensten, die auch hochadelige Stiftsdamen in Küche und Haus willig verrichteten; bescheiden und selbstlos übten sie christliche Nächstenliebe aus durch Werke der Barmherzigkeit. Sie dienten den Armen und Kranken statt selbst bedient zu werden!

Eine Ordensfrau von außerordentlicher Güte, Demut und Geduld muß auch Maria Gräfin SARNTHEIN gewesen sein. Sie kam am 6. April 1666 in Bozen zur Welt und wurde auf den Namen Catharina getauft; sie wollte dem Herrn dienen und gründete beim gräflichen Ansitz Rottenbuch bei Bozen ein Frauenkloster. Sie starb als dessen Oberin am 5. September 1737 im Rufe der Heiligkeit [25].

Noch ein Beispiel bewundernswerten Opfergeistes aus unserer Zeit! In Südvietnam wirkt im Kriegsgebiet eine Urenkelin des Kaisers Franz Josef, Schwester Bonifatia Gräfin STOLBERG aus dem in Tirol ansäßigen Zweige jenes Geschlechts. Mit der armseligen Nahrung zufrieden, in Erdlöchern hausend, Nacht für Nacht durch Schießereien aus dem Schlaf geschreckt teilt sie seit Jahren das Leben der gequälten Bevölkerung und hilft ihr soweit sie kann!

Noch mehr Ordensleute aus vornehmem Haus mit ähnlichem Opfergeist wären zu nennen. Ich beschränke mich darauf auf einen Priesterkandidaten hinzuweisen, der in der Blüte seiner Jahre dahingegangen ist. Es handelt sich um einen Sohn des Kammerrates Christoph INGRAM von Liebenrain und Fragburg und seiner Frau Magdalene, geb. THALHAMMER von Thaleck.

Ich besitze ein ererbtes Andenkenbildchen. Mit Deckfarben bemalt zeigt es einen im Bette liegenden Jüngling, der ein Kruzifix hält und zu einem Muttergottesbilde emporblickt. Daneben aber steht mit der Sense der Tod! Darunter steht gedruckt:

Carolus INGRAM, Scholast, SJ von Insprug / nachdem er in die Societät eingetreten / hat er solche Proben der Unschuld / Eingezogenheit / Abtödtung seiner selbst / vollkommenen Gehorsambs / Eyfers zu geistlichen Dingen / und genauister Beobachtung der Regeln von sich gegeben / daß er verdient ein anderer Bergmannus genennt zu werden. Er sturbe voll des Trostes zu Augspurg 29. März 1685.

Über einen im Dienste der Pestkranken verschiedenen Innsbrucker Jesuitenpater aus einem Brixner Edelgeschlecht berichte ich im nächsten Kapitel.

Wer sich mit der Stellung des Adels im Priester- und Ordensberuf beschäftigt, wird manchesmal auf anspruchsvolle Herrenmenschen stoßen, aber unvergleichlich mehr erhebende Beispiele finden, daß er sich verneigen muß vor der seelischen Größe jener Männer und Frauen, die um Gott und der Nächsten willen weltliche Freuden verzichtet und auch ihr Leben hingegeben haben!



 
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