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Der Adel im Leben Tirols
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Monday, 12 March 2007
Article Index
Der Adel im Leben Tirols
Grundherr u. Bauer
Adelsbesitz Gestern u. Heute
Adelsherrn als Kulturträger
Adel u. Kunst
Adelige im priesterlichen Beruf
Soziales Wirken des Adels
Adelige als Dienstherrn
Großgrundbesitzer als Volksvertreter
Waffendienst fürs Vaterland
Schlusswort

4. Adelsherrn als Kulturträger

Schon im zweiten Abschnitt wurde angedeutet, wie sehr sich die Verwurzlung in der Heimatscholle in Wissenschaft und Schrifttum auswirkt.

Schloßherren waren die Väter der tirolischen Landeskunde. Verfasser der ältesten Landesbeschreibungen und vaterländischen Geschichtswerke sind: Marx Sittich von WOLKENSTEIN (1563-1620), Jakob Andrä von BRANDIS (1569-1629), Matthias BURGLEHNER von Thierburg und Vollandsegg (1573-1642), Maximilian Graf MOHR (gest. 1671).

Berühmt ist eines der zahlreichen Werke des Franz Adam Graf BRANDIS (1693-1695): "Des tirolischen Adlers immergrünendes Ehrenkräntzl", Botzen 1678; es ist eine volkstümliche, herzhaft geschriebene Geschichte und Heimatkunde seines Vaterlandes.

Neben anderen Mitgliedern der soeben genannten Herrengeschlechter Brandfis und Wolkenstein sind noch überaus zahlreiche Namen aus den Mitgliedern des immatrikulierten Adels mit der Landesforschung untrennbar verbunden, so die AN DER LAN, BUCCELINI, CORETH, DI PAULI, ENZENBERG, FRÖLICH VON FRÖLICHSBURG, GIOVANELLI, GOLDEGG, GRABMAYR, HAUSMANN, HÖHENBÜHEL, HORMAYR, INGRAM, KHUEPACH, KLEBELSBERG, KRIPP, KÜNIGL, LAICHARDING, LEMMEN, LUTTEROTTI, MAYRHOFEN von Koburg, MILLER-AICHHOLZ, MÖRL, OTTENTHAL, SARNTHEIN, SCHULLERN, SPERGES, STERZINGER, STÖCKL von Gerburg, TRAPP, TROYER, WEINHART, WÖRNDLE, ZALLINGER [1]. Ich komme später noch auf einzelne Namen zurück.

Soweit die Männer bekannt sind, die schon im Mittelalter das Lob ihrer Tiroler Heimat gesungen haben, sind es Adelsherren. Abgesehen sei von dem nicht einwandfrei als Tiroler bezeichneten Walther von der Vogelweide. Zu nennen wären u.a. als Minnesänger der BURGGRAF VON LIENZ, Walther von METZ, Herr RUBEIN, Leuthold von SÄBEN, Friedrich von SONNENBURG und als ihr jüngster Oswald von WOLKENSTEIN (1367-1445), dann als lehrhafte Dichter Heinrich von BURGEIS (13. Jahrh.) und Hans von VINTLER (gest. 1419). Der Verfasser eines gereimten Lobgedichtes auf Tirol, des "Tiroler Landreims", Innsbruck 1558, Georg RÖSCH von Geroldshausen, wurde im Jahr 1559 als Mitglied der Adelsmatrikel aufgenommen [1].

Auf der Burg Juvan bei Lavis entstand um das Jahr 1600 das "Jaufner Liederbuch" als Gemeinschaftswerk mehrerer Dichter, zu denen auch Jakob von NEUHAUS, Karl ZIN von Zinneburg und Martha von MORNBURG gehörten [2].

Ein Meister barocker Dramendichtung war der Nonsberger Nikolaus von AVANZINI SJ (1611-1686). Ein religiöser Dichter war der Wiltener Chorherr Kassian von STERZINGER (1753-1796), Verfasser einer dramatischen Dichtung Kassian Anton von ROSCHMANN (1734-1806). Lebensweisheiten verteilte Carl Joseph von WEINHART (1712-1788) in seiner "Poetischen Glückhsagung" in derben Alexandrinern. Sein Sohn, der Rechtslehrer Franz Xaver von WEINHART (1746-1833), schrieb ein Singspiel und fromme Gedichte. Auch Joseph von LAMA (1779-1828) trat mit Dichtungen hervor. Patriotische Dichter aus der Zeit der Napoleonischen Kriege waren Josef von GIOVANELLI (1750-1812), Leopold Josef Graf KÜNIGL (1794-1874); dieser veröffentlichte 1817 auch eine Schrift: "Über den echten und wahren Patriotismus", dann die Südtiroler Anton von REMICH (1768-1838) und Johann Baptist RINNA von Sarenbach (1764-1848), während sich Franz von EISANK (1774-1847) nach dem Winde drehte und den jeweiligen Landesherrn besang. Eine vielseitige, ebenfalls wandlungsfähige Persönlichkeit war Joseph Freiherr von HORMAYR (1771-1848); er verfaßte Geschichtswerke, Gedichte und Schauspiele; er hatte außerdem als Herausgeber von Almanachen und durch seine amtliche Stellung Einfluß auf bekannte österreichische Dichter. Zu nennen ist auch Kaspar von WÖRNDLE (geboren 1777 zu Kitzbühel; Todesort und fahr sind unbekannt, etwa 1835) als Verfasser des ersten Andreas-Hofer-Dramas (1816).

Der treue Patriot und Mitkämpfer von 1809 Anton von PETZER (in hohem Alter gest. 1887) veröffentlichte im Jahr 1832 eine Dichtung über die Schlacht bei Spinges. Unter dem Pseudonym A.G. von Lindenburg gab Anton von GOLDEGG (1787-1854) im Jahr 1843 "Leyerklänge aus Tirol" heraus.

Guten Einblick in die musischen Neigungen der Biedermeierzeit gibt das Bändchen: "Poetische Versuche der Humanitätsschüler an dem k.k. akademischen Gymnasium zu Innsbruck im Jahre 1844. Innsbruck: Wagner". Von den 75 Dichtungen in deutscher, lateinischer und sogar griechischer Sprache stammen 17 von adeligen Studenten; einige sind mit mehreren Gedichten vertreten. Es erscheinen die Namen: Josef von PREU, Otto von REINHART, Viktor von RICCI, Josef von RÖGGLA, Johann von SAMMERN, Rudolf Freiherr von SCHNEEBURG, Guido Freiherr von SEYFFERTITZ, Oswald Graf TRAPP, Ernest und August Freiherr von TSCHIDERER. Die Dichtungen sind zum Teil langatmig, auch nicht jedes Mal schwungvoll, immerhin aber ganz gute Talentproben junger Leute.

Wenige Jahre später ließ Hermann von GILM (1812-1864) seine feurigen Schützenlieder und andere meisterliche Dichtungen hinausgehen. Nahe kam ihm Anton von SCHULLERN (1832-1889) mit tief empfundenen, sprachgewandten Gedichten. Weiter sind als Dichter in Ehren zu nennen: die Brüder Josef von SCHNELL (1822-1863) und Ludwig von SCHNELL (1827-1886), Vinzenz von ERHART (1823-1873), dann der jung verstorbene Gottfried Freiherr von GIOVANELLI (1825-1853), dem Franz SCHUMACHER in der 18. Schlern-Schrift, Innsbruck 1930, ein Denkmal setzte. Berühmt sind die Mundartgedichte des Karl von LUTTEROTTI (1793-1872). Anerkennung als Dichter fanden auch Hans von VINTLER (1837-1890), ein Nachkomme der Burgherrn von Runkelstein, Richard von STRELE (1849-1919), Hermann von PFAUNDLER (geb. 1882), der feurige Lyriker Arthur von WALLPACH (1866-1946), Paul von ROSSI (1879-1951), der als Komödiendichter hervorgetretene Betreuer des Meraner Heimatmuseums Fritz von PERNWERTH (1873-1951) und der Dramatiker Eberhard von WEITTENHILLER (1876-1931). Ein geistvoller Lustspieldichter im Sinne Molieres war Oberstleutnant Anton Freiherr von SPIELMANN (1878-1959). Am Lyriker Paul Grafen THUN aus der böhmischen Linie jenes Tiroler Geschlechts (1884-1963) lobt das "Österreich-Lexikon", daß er österreichische Tradition und Formkultur vertreten habe. Kriegsgedichte veröffentlichten im Ersten Weltkrieg ebenso wie Arthur von Wallpach und viele andere Dichter die Grafen Hugo ENZENBERG (1838-1922) und Josef THUN (geb. 1856). Von solcher Poesie will man zwar heutzutage nichts mehr wissen, man könnte aber von Teilnahmslosigkeit und Gefühlskälte sprechen, wenn Ereignisse, die das Schicksal des ganzen Volkes betrafen, keine Sänger gefunden hätten!

Durch Heimat- und Gesellschaftsromane wurden berühmt Marie Baronin BUOL (1860-1943), Hans von (Hepperger zu) HOFFENSTHAL (1877-1962), Henriette SCHROTT, verehelichte von PELZEL (1877-1962), der Jungösterreicher Heinrich von SCHULLERN (1865-1955), Karl von TORRESANI (1846-1907), Albert von TRENTINI (1878-1933). Auch Enrica von HANDEL-MAZZETTI (1871-1955) hatte tirolisches Blut in ihren Adern. Ein seinerzeit viel gelesener Autor von Geschichtsromanen war Arthur von RODANK, nämlich Arthur Graf WOLKENSTEIN-Rodenegg (1837-1907). Zu Tirols Lob und Ehr schrieb manches der zeitweise in Meran ansässige Romancier Georg Freiherr von OMPTEDA (1863-1931) aus Hannover, während der in Ehrwald seßhaft gewordene Luxemburger Karl Freiherr von PIDOLL zu Quintenbach (1888-1965) dort unter anderem einen auf hohem Niveau stehenden Beethovenroman verfaßte.

Unter den Dichterinnen sind weiter zu nennen: Itha von GOLDEGG, verehelichte Gräfin BOSSI-FEDRIGOTTI (geb. 1864), dann die jung verstorbene Selma Baronin HAUSMANN (1863-1888), Angelika von HÖRMANN, geb. Geiger (1843-1921), Marie Baronin MAGES (1862-1944), Lea von MÖRL, verehelichte Baronin RUKAWINA (1893 bis ca. 1950). Johanna Baronin SCHNEEBURG (1871-1934). Mehrere Bände mit Tiroler Dorfgeschichten veröffentlichte die Münchnerin Everilde von PÜTZ, geb. von Klenze (1843-1926).

Unter unseren Zeitgenossinnen errang sich Vera von GRIMM, verehelichte EGGERT, als Märchendichterin und gewandte Vortragende ihrer tief poetisch empfundenen Werke einen weit über die Landesgrenzen reichenden Namen. Feinsinnige Lyrikerinnen sind die Kunsthistorikerin Lilly von SAUTTER in Innsbruck und Gertrud von WALTHER in Bozen. Unter den Prosaschriftstellem aus unserer Zeit wurde Anton Graf BOSSI-FEDRIGOTTI durch Kriegsromane bekannt. In die Zeiten der ersten europäischen Besiedlung Amerikas versetzt uns Oswald von PLAWENN in seinen als wertvolle Jugendlektüre empfohlenen Romanen. Als Jagdschriftsteller veröffentlichte Konstantin Graf THUN (1878-1962) ein reizvolles Erinnerungsbuch: "Bergler, Alpler, Klosterleut und Jager", Innsbruck 1949.

Ein stiller Heimatforscher sei nicht vergessen, der historische Themen in ansprechender Novellenform darzubieten weiß: Heinrich GRATSCHER, Pseudonym des Dr. iur. Paul Freiherrn von KRIPP.

Diese, wenn auch noch so dürftigen Hinweise sollen zeigen, wieviele schöpferische Kräfte in den Reihen des tirolischen Adels vorhanden sind!

Vom nötigen Verständnis für literarische Leistung zeugen die ansehnlichen Schloßbüchereien und Privatbibliotheken adeliger Herrn. Sie umfaßten wertvollste Manuskripte und Druckwerke. Handschriften des Nibelungenliedes fanden sich auf Schloß Annenberg und Schloß Montani im Vinschgau und auf Hohenems in Vorarlberg - sosehr schätzte man deutsche Dichtung!

In Innsbruck befanden sich im 18. Jahrhundert ansehnliche Bücherbestände in den Palästen der Grafen CORETH, FERRARI, SARNTHEIN, THURN und TAXIS, TRAPP, WOLKENSTEIN, besonders reichhaltige im Ansitz des Landschaftssyndicus Anton Maria von EGGER (Sohn des Johann Kaspar) zu Marienfrid [3]. Die Bibliothek der Herrn von REINHART kam als wertvolle Stiftung in die Innsbrucker Universitätsbibliothek. Den Grundstock der vor allem auf das Heimatkundliche ausgerichteten Ferdinandeumsbibliothek aber bietet die "Bibliotheca Dipauliana", die umfangreiche Tyrolensiensammlung des Appellationsgerichtspräsidenten Andreas Alois Freiherrn DI PAULI (1761-1830). Statthalter Karl Graf CHOTEK (geb. 1788, gest. 1868), dessen Familie wegen ihrer Verdienste um das Land Tirol seit 1745 der Tiroler Adelsmatrikel angehört, und der Südtiroler Baron Di Pauli waren die Männer, durch deren Eifer und Opfermut im Jahre 1823 das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, genannt nach seinem Protektor, ERZHERZOG FERDINAND von Österreich, dem späteren Kaiser, ins Leben trat. Es wurde zum Sammelpunkt aller heimatkundlichen Bestrebungen, zur Stätte stolzer Schau auf alle Leistungen wissenschaftlicher, künstlerischer und technischer Art, die aus Tirol hervorgegangen sind! Ein großer Förderer des Ferdinandeums war der von 1841 bis zum Jahre 1848 amtierende Landesgouvemeur Clemens Graf BRANDIS (1798-1863), hervorragende Wohltäter waren die Brüder Johann von WIESER (1805-1886) und Ludwig von WIESER (1808-1888); sie vermachten dem Ferdinandeum ihre bedeutenden Kunstsammlungen.

In Bozen nimmte man die Büchereien der Grafen SARNTHEIN, der Freiherrn von EYRL, der Herren von KAGER. MACKOWITZ und ZALLINGER. In Meran nannte man die Familie von BRAITENBERG-Zennenberg, in Bruneck die Freiherrn von STERNBACH als Besitzer stattlicher Bibliotheken.

Ignaz DE LUCA (1746-1799) [4] nennt Buchtitel aus dem Bestand jener Büchersammlungen, vor allem kostbare Frühdrucke und Nachschlagewerke. Daß jene Schätze auch anderen zugute kamen ist auf S. 14 mit folgenden Worten ausgedrückt: "Die Besitzer dieser Bibliotheken sind zu viel Menschenfreunde, als daß sie anderen den Gebrauch der Bücher versagen könnten".

Hoffen wir, daß es ihnen nicht ebenso ergangen ist wie meinem Urgroßvater Carl Joseph von WEINHART (1712-1788). Er besaß sowohl in seinem Innsbrucker Haus, jetzt Burggraben 4, und in seinem Schloß Thierburg im Gnadenwald wertvolle Büchereien. Auch er gewährte großmütig Leihgaben, doch nach üblen Erfahrungen schrieb er schmerzerfüllt nieder: "Meine Bücher und die meiner Frau sind uns wie Schafe von Wölfen entrissen worden,... Ein sonst ehrlicher, uns wohlbekannter Mann trug davon soviel er wollte, aus dem Hause und versicherte, was niemals erfolgte, die genaueste Rückgabe..." [5].

Im den Adelsbibliotheken waren selbstverständlich auch die Arbeiten der eingangs genannten heimischen Historiker neben anderen Geschichtswerken vorhanden. Sozialen und politischen Zwecken diente der Besitz rechtswissenschaftlicher Schriften. Die Adelsherrn, die im Landtag Sitz und Stimme hatten, waren emsig auf die Rechte ihres Heimatlandes bedacht. Sie pochten unerbittlich darauf, so wie es schon ihre Väter getan hatten. Um Tirols Privilegien nicht untergehen zu lassen, verbreiteten Adelskreise Textabschriften und Erläuterungen der tirolischen Landesfreiheiten. Außerdem erwartete der Bauer vom Grundherrn soviel Kenntnis des Rechts, daß er sich bei ihm Rat holen konnte. Aus demselben Grunde schreibt Otto BRUNNER in seinem "Adeligen Landleben" [6], daß es auch in Niederösterreich allgemein verbreitete Rechtshandschriften gab, die fast in jedem Adelssitz vorhanden waren.

Das abschriftlich da und dort anzutreffende "Fraiheitsbuch des Landts Tirol" [7] ist eine umfangreiche Sammlung der tirolischen Verfassungsurkunden. Es wurde um das Jahr 1700 vom Landschaftssekretär Christoph von PAYR zusammengestellt [8].

Der Landpfleger zu Landeck, Abraham STÖCKL von Gerburg, verfaßte im Jahre 1652 eine ebenfalls nur in Abschriften zirkulierende "Interpretation der tirolischen Landesordnung" [9].

Vom Innsbrucker Universitätsprofessor und späteren Kanzler der Tiroler Landesregierung Johann Christoph FROELICH zu Froelichburg (1657-1729) stammt eine ebenfalls ungedruckt gebliebene, doch weit verbreitete "Instruction für ein Obrigkeit des Lands Tyrol" [10]. Im Druck erschien seine "Nemesis Romano-Austriaco-Tyrolensis", Innsbruck 1696, eine vom Geist edler Menschlichkeit beseelte Darstellung des im Lande geltenden Strafrechts. In ihr wird immer wieder vor Mißbrauch der Folter gewarnt. Dann der "Tractatus iuridicus de praescriptionibus statutariis Tyrolensibus", Kempten 1702. - Johann Christoph von Froelich mußte sich noch geben, als glaubte er alles, was über Verbrechen der Hexen erzählt wurde, doch weist er wiederholt auf die Unsinnigkeit der Hexenprozesse und die Unglaubwürdigkeit erpreßter Geständnisse hin. Etwas leichter tat sich ein Jahrhundert später Ferdinand von STERZINGER zu Sigmundsried (1721-1786), als er gegen jene Prozesse auftrat; freilich mußte er sich gegen manche Anfeindung wehren [11]!

Gegenstand einer feierlichen Disputation an der Innsbrucker Universität war das umfangreiche in Großfolio gedruckte Werk: "Commentarü theorico-poütico-practici in ius statutarium Tyrolense", Innsbruck 1716. Als Praeses zeichnet Professor Thomas HERMANIN von Reichenfeld, als Referent Franz Xaver Ignaz Baron CORETH. Nach den geltenden Bibliotheksvorschriften wäre in solchen Fällen jedesmal der Praeses als Verfasser anzusetzen, weil ihm als dem Anreger und Überwacher der Arbeit zum mindesten das geistige Eigentum zustehe. In jenem besonderen Fall dürfte der junge einheimische Edelmann das ihm als landständischem Herrn vertraute Thema wohl selbst gewählt und ausgearbeitet haben.

Der Innsbrucker Kirchenrechtslehrer Anton von SOELL (1676-1741) aus Sonnenburg im Pustertal bewährte sich als Wahrer des heimischen Standpunkts, als er sich in einem langwierigen Streit über die Exemption der Kirche des Königlichen Stifts zu Hall in einem gründlichen Gutachten zugunsten der vom Stift beanspruchten Rechte aussprach [12]. Ein tüchtiger Vertreter des geistlichen Rechts war auch der Jesuit Johann Jakob von ZALLINGER aus Bozen (1735-1813); ursprünglich war er Physiker und im Jahre 1776 auf den Lehrstuhl jenes Faches an die Universität Innsbruck berufen worden, doch schon ein Jahr später kam er als Kirchenrechtslehrer nach Dillingen [13].

In aller Andenken steht noch der Innsbrucker Kanonist, Professor Walther von HÖRMANN (1865-1946) [14], ein verdienter Forscher, besonders auf dem Gebiete des kirchlichen Eherechts.

Es würde leider zu weit führen alle Lehrkräfte der Innsbrucker Universität, die aus adeligen Familien stammten, einzeln zu würdigen. Ich maß mich auf Stichproben beschränken. Im Hinblick auf eine neuere Veröffentlichung in der "Tiroler Heimat" sei zum Beispiel auf die dynamische Persönlichkeit des Andreas Dominikus von MERSI (1779-1861) verwiesen, der seit 1799 Mathematik und Kriegskunst lehrte, aber seit 1817 die Vertretung der politischen Wissenschaften an sich zog und zweimal das Rektorat bekleidete. Sein Nachfolger, der Welschtiroler Hieronymus SCARI von Cronhof (1798-1845) [15] war ebenfalls ein Mensch voll Tatkraft und Freimut; ein von Dr. Gerhard OBERKOFLER veröffentlichter Brief an die Innsbrucker Juristenfakultät vom Juli 1844 wendet sich mit einer damals einzigartigen Offenheit gegen Zopf und Pedanterie. Nebenbei war Professor von SCARI ein Freund des in der Metternichzeit sehr verpönten Turnens; auf die Eröffnung der ersten Innsbrucker Turnhalle auf Anregung Scaris werde ich später zurückkommen.

Wenn wir auf die Reihe der Rechtshistoriker und Volkswirtschaftslehrer der Innsbrucker Alma Mater sehen, fällt uns das Überwiegen des tatsächlichen und des Kunkeladels unwillkürlich auf. Auch namhafte Historiker, deren Werke sich vielfach mit Rechtsfragen befassen, stammen aus dem Tiroler Adel:

Karl Theodor von INAMA-Sternegg (1843-1908), Ernst von OTTENTHAL (1855-1931), Tullius von SARTORI-Montecroce (1862-1928) [15a], Hans von VOLTELINI (1862-1938), der von Vater- und Mutterseite (geb. von WENSER) altem Tiroler Adel entstammte. Hauptwerk seiner emsigen Feder sind die "Südtiroler Notariatsimbreviaturen", Franz Xaver von WEINHART (1746-1832), Otto von ZALLINGER zum Thurn (1856-1933). Dieser pflegte die Rechtsgeschichte des Adels, so befaßte er sich mit der Stellung der Ministeriales und Milites.

Zu nennen sind auch einige von auswärts nach Innsbruck berufene Gelehrte, die in Tirol bald Wurzel gefußt hatten: Eugen Ritter von BÖHM-Bawerk (1851-1914), Julius von FICKER aus Paderborn (1826-1902) [15b]. er erwarb und bewohnte die Hohenburg in Igls. Der Kirchenrechtsprofessor Karl Ernest von MOY de Sons (1799-1867) [16] geboren in München, entstammte einer altadeligen Familie aus der Piccardie. Durch seine Gemahlin Marie Baronin GIOVANELLI dem konservativen Politiker Ignaz Freiherrn von Giovanelli verschwägert, teilte er dessen Bestrebungen. Der Professor für deutsches Recht, Alfred von WRETSCHKO aus Wien (1869-1941) befaßte sich u.a. mit der Innsbrucker Universitätsgeschichte.

Einer der Inhaber der Lehrkanzel für Nationalökonomie, Hermann von SCHULLERN (1861-1931) war nicht nur durch seine väterlichen Ahnen mit den Überlieferungen des landständischen Adels verbunden. Er war durch seine Großmutter Catarina Gräfin CALINI Eigentümer einer (im Ersten Weltkrieg enteigneten) Herrschaft in Oberitalien. Persönliche Erfahrungen boten die Grundlagen zu seinen Forschungen über das Colonat und zu seiner "Agrarpolitik", Jena 1925.

Ererbter Anteilnahme am Gedeihen des Bauernstandes entspricht es auch, daß der Kaisersohn OTTO VON HABSBURG das bäuerliche Erbrecht zum Thema seiner staatswissenschaftlichen Dissertation an der Universität Löwen (1935) gewählt hat [17].

Der gegenwärtige Inhaber der Lehrkanzel für Deutsche Rechtsgeschichte, Nikolaus GRASS, mütterlicherseits ebenso wie Hermann von Schullern ein Nachkomme der gelehrten Herrn von WEINHART, außerdem auch ein Urenkel der im tirolischen Bergbau bedeutsamen Herrn von JENNER, kann in seinen Veröffentlichungen immer wieder auf eigene Familienüberlieferungen und Familienschriften zurückgreifen. Von Jugend an verbringt er alljährlich einen Teil seiner Sommerferien auf einem mit Almrechten verbundenen Familienbesitz hoch über dem Voldertal; Begriffe wie das Schneefluchtrecht sind ihm von klein auf geläufig. Die Voraussetzungen waren also gegeben, sich der Rechtsgeschichte und mit besonderer Vorliebe der wissenschaftlichen Almforschung zuzuwenden! [17a]

Der Professor für neuere Geschichte Oswald von GSCHLIESSER ist als Offizierssohn wieder mehr mit der Geschichte der k.u.k. Armee verbunden. Er veröffentlichte neben verfassungsgeschichtlichen Werken und seinem Buch "Der Reichshofrat", Wien 1947, auch vier Folgen einer "Geschichte des stehenden Heeres in Tirol".

Pflege der Landesgeschichte lag auch anderen heimischen Historikern nahe. Ich nenne u.ä.: Kassian von ROSCHMANN (1739-1806), Verfasser einer bis zum Jahr 1137 reichenden "Geschichte von Tirol"; Benedikt Graf GIOVANELLI aus Trient (1746--1846) beschäftigte sich mit der Altertumskunde Welschtirols, Karl von EIBERG (1753-1822) schrieb das Buch "Tyrols Vertheidigung gegen die Franzosen in den Jahren 1796 und 1797", Innsbruck 1798, Joseph von HÖRMANN gab die Schrift in Druck: "Tirol unter der bayrischen Regierung", Innsbruck 1816. Clemens Graf BRANDIS (1798-1863) veröffentlichte 1823 das mit einem wertvollen Urkundenanhang versehene Werk "Tirol unter Friedrich von Österreich". Seinem Sohn Anton Graf BRANDIS (1832-1907) ist die auch Allgemeinbedeutung besitzende Studie über die Verfassungsgeschichte der Gemeinde Lana, 1873, zu verdanken.

Eine Geschichte Andreas Hofers und zahlreiche andere Geschichtswerke verfaßte der hier schon wiederholt erwähnte, leider nicht so gewissenhaft arbeitende Joseph Freiherr von HORMAYR. Später in bayrische Dienste getreten wechselte er seine Haltung im Sinne seines neuen Brotherm. - Gründliche Studien liegen den Büchern über die zweite und dritte Bergiselschlacht des Freiherrn Gideon von MARETICH (1845-1903) zu Grunde. Werk eines bayrischen Adelsherrn ist die auch für Tirol sehr wichtige Arbeit des Eduard Freiherrn von OEFELE (1843-1902): "Geschichte der Grafen von Andechs", Innsbruck 1877. Franz Josef von ZIMMETER (1851-1932) verfaßte das Werk: "Die Fonde und Anstalten der Tiroler Landschaft", Innsbruck 1894. Lokalgeschichtliches aus Bozen brachten Franz von ZALLINGER (1842-1907) in der Schrift "Aus Bozens vergangenen Tagen" und Ferdinand von LENTNER aus Salzburg (1841-1919): "Die Stadt Bozen in Feindeshand", Innsbruck 1897. Eine der erfreulichsten Neuerscheinungen ist das in Amonns Verlag mit prächtigen Bildern ausgestattete Büchlein des Karl von BRAITENBERG: "300 Jahre Schießstand in der Oberbozner Sommerfrische", Bozen 1968. Als wertvolle Nordtiroler Veröffentlichung ist die "Geschichte des Schlosses Fragenstein" des Ferdinand von RÖGGLA (1874-1956) zu bezeichnen.

Eine weit über die Grenzen Tirols bekannte Kulturzeitschrift mit Bedeutung für die gesamte deutsche Literatur war der von Ludwig von FICKER (1880-1967) begründete und geleitete "Brenner". Sie erörterte weitschauend geistige Probleme, auch solche, die uns heute bewegen.

Unter unseren Zeitgenossen ist Wolfgang von PFAUNDLER zu nennen als Gestalter einer fesselnden Kulturzeitschrift "Das Fenster". Er hat die Gabe, Volkskundliches in einem blendenden Stil zu schildern, es auch in ausnehmend guten Lichtbildern darzustellen. Er weiß im "Jungbürgerbuch" (1963, Neuauflage 1967) junge Leute anzusprechen und ihr Heimatgefühl aufzurütteln!

Als Kunsthistoriker lehren derzeit an der Innsbrucker Universität Otto von LUTTEROTTI und sein Assistent Heinz von MACKOWITZ.

Auf die hervorragende Gestalt des gegenwärtigen Rektor Magnificus, Dr. theol. und phil. Emerich Graf CORETH SJ, komme ich noch in der Folge zurück.

Dr. Emerich Coreth, Professor für christliche Philosophie, ist Sohn eines hochangesehenen Juristen. Der gleichnamige Vater (1881-1947) war zuletzt Präsident des Österreichischen Verwaltungsgerichtshofs. Er war einer der beiden Schöpfer des als bahnbrechend bezeichneten Verwaltungsverfahrensgesetzes, das sich in der Praxis sosehr bewährte, daß auch andere Staaten, z.B. Jugoslawien, es übernommen haben [17b].

Ich nenne noch weitere Namen, die in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden verdienen. So den Oberlandesgerichtspräsidenten in Innsbruck Friedrich Freiherrn von CALL zu Rosenfeld (1864-1917), der wichtige Gesetzentwürfe ausgearbeitet hat, z.B. das über das Urheberrecht und den Genossenschaftsvertrag. Der Rat des Verwaltungsgerichtshofs Karl Freiherr von GIOVANELLI (1847-1922), von 1900-1904 Ackerbauminister im Ministerium Körber, machte sich um das Agrarrecht und um die Bildung der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften verdient. Auch der Rechtsanwalt und berühmte Parlamentarier Karl von GRABMAYR (1848-1923) errang sich auf dem Gebiet der Agrarwirtschaft besondere Verdienste. Er war der Schöpfer des tirolischen Grundbuches und des Höferechtes und erreichte auch wichtige Verbesserungen des Exekutionsrechtes. Ein tüchtiger Praktiker, dessen Gutachten in agrarrechtlichen Fragen noch in seinem hohen Alter eingeholt wurden, war Senatspräsident Stephan Ritter von FALSER (1855-1944); ihm sind auch wertvolle Veröffentlichungen zu verdanken: "Rentengüter in Tirol", 1894, "Wald und Weide im tirolischen Grundbuch", 1896, z. Aufl. 1932, "Bodenentschuldung", 1900. Ebenso wurde auch der ehemalige Sektionschef im Handelsministerium, Richard von PFAUNDLER (1882-1959) als angesehener Experte in Finanzfragen zeitlebens immer wieder um Stellungnahme angerufen; seine Veröffentlichungen, so das 546 Seiten starke Werk "Der Finanzausgleich in Österreich", Wien 1931, und die nur 37 Seiten umfassende Schrift "Die Besteuerungsrechte der österreichischen Länder", Graz 1947, boten den Finanzreferenten grundlegende Richtlinien. Richard von Pfaundler wandte sich als treuer Sohn Alttirols auch mit wohlfundierten Abhandlungen über die Südtirolfrage an die Weltöffentlichkeit. [17c]

Ein hervorragender Jurist und profunder Kenner des römischen Privatrechtes war Paul von VITTORELLI (1851-1932); er war im Jahr 1918 letzter Justizminister des österreichischen Kaiserstaates und von 1920-1930 Präsident des österreichischen Verfassungsgerichtshofes [17d].

Zwar aus der böhmischen Linie eines aus dem Nonsberg stammenden Geschlechtes stammend, doch mit Tirol stets verbunden waren Leo Graf THUN (1811-1888), Unterrichtsminister von 1849-1860. Sein bleibendes Verdienst ist die Reform des Unterrichtswesens. "Die Neuorientierung der Rechtswissenschaft ist Leo Graf Thuns persönliches Werk" (Lentze), dann Franz Anton Fürst THUN (1847-1916), Statthalter von Böhmen und zeitweise Leiter des österreichischen Innenministeriums; "Er wirkte stets für Versöhnung der beiden böhmischen Nationen" (Österreich-Lexikon) [17e].

Es mindert gewiß nicht die Verdienste bürgerlicher Gelehrter, Beamter oder Politiker, wenn ich auf einzelne Persönlichkeiten aus dem heimischen Adel hinweise, denen das Land Tirol zu Dank verpflichtet ist.

Seinerzeit waren die österreichischen Monarchen stets bestrebt dem Adel neue Kräfte zuzuführen. Auch Kaiser FRANZ JOSEF zeichnete gleich seinem Nachfolger Kaiser KARL anerkennenswerte Leistungen wiederholt durch Erhebung in den Adelsstand aus. So erhielt Landeshauptmann Dr. Theodor KATHREIN (1842-1916) den Freiherrntitel. In den Adelsstand wurden erhoben die Historiker Rudolf KINK (1822-1864) [17f], David Ritter von SCHÖNHERR (1822-1897), der Germanist und verdiente Sagenforscher Ignaz Vinzenz von ZINGERLE (1825-1892) [17g] und andere verdiente Männer. Auch der seinerzeitige Inhaber der Wagner'schen Universitätsbuchdruckerei und Universitätsbuchhandlung Anton SCHUMACHER (1836-1918) erhielt den Adelstitel mit dem Prädikat "zu Marienfrid" der ihm verwandten ausgestorbenen Familie der EGGER zu Marienfrid. Das war eine Anerkennung seiner Verdienste als Präsident der Handelskammer, als Verleger wissenschaftlicher Werke und Zeitschriften und Hersteller mustergültiger Kunstdrucke.

Ich fahre weiter mit Hinweisen auf kulturelle Leistungen. Weil Heimat "erlebte Verbundenheit mit dem Boden ist" (Eduard SPRANGER) und der Weg zum Menschentum nach dem Wort des gleichen Autors über das Volkstum und Heimatgefühl führt, sei auf die erzieherische Bedeutung der Heimat- und Familienforschung verwiesen. Dem Adel liegen solche Arbeiten besonders nahe; auf manchen Edelsitzen wurden schon vor Jahrhunderten Familienchroniken geführt. Heinrich Gratscher, das ist Paul Freiherr von KRIPP, teilt zum Beispiel in seinem gehaltvollen Büchlein über Johann Graf STACHELBURG [18] mit "es habe Ursula von FIEGER, verehelichte MORNAUER von Liechtenwerth (1550 bis etwa 1634) in ihrem einundachtzigsten Lebensjahre "nit ohne große Mühe, Arbeit, Nachsinnen und viefältiges Nachfragen" eine Übersicht ihrer Nachkommen und der ihrer Geschwister verfaßt; sie enthalte die Namen von über hundert Familien und bei fünfhundert Einzelpersonen. Aber auch ihre Schwester Katharina, verehelichte GIENGER von Grienpichl (1524-1602) führte eine Hauschronik. Auch diesen Aufzeichnungen seien verläßliche Daten zu entnehmen. Nebenbei sei bemerkt, daß Adeligen auch über den Familienkreis hinausgehende Chroniken zu verdanken sind wie die als Quellenwerk viel benützte Handschrift des Gubernialrates Joseph Freiherrn von CESCHI (1731-1787): "Merkwürdige Begebenheiten, die sich in Innsbruck vom Jahre 1780 an zugetragen" [19]. Sie hat ein Seitenstück in P. Ferdinand von TROYER's "Bozner Chronik von 1648-1649" mit den wertvollen Berichten über die Bozner Umgangsspiele.

Die wichtigsten Genealogien der Tiroler Adelsfamilien schufen Kanonikus Stephan von MAYRHOFEN (1751-1848) und Georg von PFAUNDLER (1795-1876). Der auch unter den Naturforschern zu erwähnende Freiherr von HOHENBÜHEL (1817-1885) veröffentlichte die hier wiederholt zitierten "Beiträge zur Geschichte des Tiroler Adels" im Jahrbuch "Adler", Wien 1891, Hugo von GOLDEGG (1829-1904) bearbeitete und gab heraus die Wappenbücher im Adelsarchiv des Ministerium des Inneren, zwei Teile, Innsbruck 1875-1876.

Der vorhin genannte Nationalökonom Hermann von SCHULLERN (1861-1931) war nebenbei ein eifriger Genealoge. Von ihm stammen neben mancherlei Beiträgen in den Organen der Wiener Genealogischen Gesellschaft "Adler", darunter im Jahrbuch für 1895 eine aufschlußreiche Abhandlung "Über einige Familien des tirolischen Beamtenadels".

Sehr wertvoll sind auch die Abhandlungen des Sigmund Freiherrn von KRIPP (1862-1918): "Die Kripp von Freudeneck" und die "Kripp von Prunberg" im Jahrbuch "Adler" von 1910 und 1912.

Als Privatdrucke kamen heraus: im Jahr 1889 die von Ferdinand Graf BRANDIS (1819-1904) verfaßte Familiengeschichte seines Hauses und um 1890 von Otto Maximilian von WALLPACH eine Geschichte der Familie Wallpach. Karl von Wallpach brachte hierzu in den Tiroler Heimatblättern von 1965 beachtenswerte Ergänzungen. Als vornehm ausgestattete Familienchronik sind die "Beiträge zur Familienkunde" der geadelten Innsbrucker Buchdruckerfamilie Schumacher, verfaßt und 1924 herausgegeben von Eckart von SCHUMACHER, zu nennen.

Ein sorgfältig ausgearbeitetes Manuskript über die Trientiner Familie Terlago schuf Franz Graf TERLAGO (1882-1966), der seinerzeitige Bezirkshauptmann von Bludenz. Wichtig als Quellenwerk zur Tiroler Adelsgeschichte ist auch die im Innsbrucker Matrikelarchiv liegende Giovanellische Familienchronik; sie umfaßt mehrere Bände als Ergebnis gründlicher Forschungen des auch künstlerisch begabten Freiherm Gottfried von GIOVANELLI (1859-1929). An Regesten zur Familiengeschichte der Troyer arbeitet zur Zeit Meinrad von TROYER in Bozen.

Unter unseren Zeitgenossen wirken im Archivdienst u.a. in Wien Anna Gräfin CORETH, der mütterlicherseits aus Tiroler Familie stammende Andreas Baron CORNARO, in Innsbruck als Stadtarchivar Franz Heinz von HYE-KERKDAL.

In der Reihe der Schlem-Schriften erschienen als Bd. 14, Arthur von KHUEPACH: Das Geschlecht derer von MÖRL zu Pfalzen, Innsbruck 1928, Bd.17, Arthur Graf WOLKENSTEIN: Oswald von WOLKENSTEIN, 1930, Bd. 35: Albert von PERSA: Das Geschlecht derer von KLEBELSBERG zu Thumburg, 1937, Bd.45, Carl TOLDT: Geschichte (der in einem Zweige geadelten) Familie Toldt, 1940, Bd.48, Georg von GRABMAYR (1870-1946): Stammtafeln alter Tiroler Familien, 1940, Bd. 54, derselbe: Die Sippe der HAFNER ab Mölten, 1948, Bd. 89, Arthur von KHUEPACH: Familiengeschichte der KHUEPACH zu Ried, Zimmerlehen und Haslburg, 1951, Bd. 102, Enrico GIOVANELLI: Die Herren von KRONMETZ, 1953, Bd. 114, Rudolf HUMBERTDROTZ: Das Tagebuch des Sigmund von ROST (1653-1729), 1956, Bd. 127, Oswald Graf TRAPP: Ritter Jakob Trapp auf Churburg, 1954, Bd. 128, Gottfried HOHENAUER: Drei Lebensbilder aus Südtirol (PUTZ, FORESTI, LIEBENER), 1954, Bd. 131, Rudolf von GRANICHSTAEDTEN-Czerva: Beiträge zur Familiengeschichte Tirols, Bd. 1, Nordtirol, 1954 (ein inhaltsreiches und durch ein gutes Register erschlossenes Werk, das freilich da und dort Ergänzungen und Richtigstellungen braucht!), Bd. 136, Lamoral Freiherr TAXIS-Bordogna und Erhard RIEDEL: Zur Geschichte der Taxis-Bordogna-Valenigra und ihrer Obrist-Erbpostämter zu Bozen, Trient und an der Etsch, 1955, Bd.183, Sighard Graf ENZENBERG: Schloß Tratzberg (mit Berichten über die Besitzerfamilien), 1958, Bd. 184, Ernst von VERDROSS: Lebensbild des Ritters Florian WALDAUF (mit gewissenhaft verfaßtem Text, leider begleitet von einem älteren, unüberprüften Register zu den Wappenbüchern der Stubengesellschaft, dem etwa 40 Namen fehlen!), 1958, Bd. 258, Franz Heinz von HYE: Die Innsbrucker Familie WEINHART im Tiroler Geistesleben, 1970. Auch der 181. Band der Schlern-Schriften, Georg von STAWA (1879-1962), Alte Exlibris aus Tirol, 1958, ist dem Familienforscher wertvoll.

Manche genealogischen Abhandlungen veröffentlichte auch der seinerzeitige Ferdinandeumsvorstand Karl von INAMA-Sternegg (1871-1931). Ungemein fruchtbar war das Lebenswerk des Wahltirolers Rudolf von GRANICHSTAEDTEN-CZERVA (1885-1967) aus Wien [20]. Seiner uneigennützigen Vorliebe für das Land Andreas Hofers entsprangen nicht nur die erwähnte 131. Schlern-Schrift, die sich mit Nordtiroler Familien befaßt, sondern auch andere Bücher über Brixner, Bozner und Meraner Familien, dann als eines seiner bekanntesten Werke: "Andreas Hofers alte Garde", Innsbruck 1932. Weitere Biographien von Freiheitskämpfern schrieben u.a. P. Ferdinand von SCALA aus dem Franziskanerorden (1866-1906) und Heinrich von WÖRNDLE (1861-1919). Mit der Teilnahme der Fassaner am Krieg von 1809 befaßte sich Hugo von ROSSI (gest. um 1925); er war auch Verfasser eines Handschrift gebliebenen Lexikons der Fassaner Mundart.

Der außertirolischen Geschichte widmeten sich der Admonter Benediktiner Albert von MUCHAR aus Lienz (1786-1849) mit Urkundenforschungen über die Steiermark, Alois Freiherr von MAGES-Kompillan aus Bozen (1823-1895) mit Arbeiten zur österreichischen Rechtsgeschichte. Der Czernowitzer Universitätsprofessor Ferdinand von ZIEGLAUER aus Bruneck (1859-1906) widmete seine Studien dem Auslanddeutschtum. Er veröffentlichte Arbeiten über die Siebenbürger Sachsen und "Geschichtliche Bilder aus der Bukowina", 2 Bände, Czernowitz 1893-1895. Theodor von KERN, aus der gleichen Pustertaler Stadt gebürtig (1836-1873) schrieb eine "Chronik der Stadt Nürnberg".

Mit Münzgeschichte beschäftigte sich u.a. Josef KOLB von Kolbenthurn (gest. 1886); er veröffentlichte in der Wiener "Numismatischen Zeitschrift" von 1879 eine Abhandlung: "Der Tiroler Kreuzer von 1809". Ein hervorragender Numismatiker war auch Arthur Graf ENZENBERG (1841-1925) [21]. Tirolische Kostbarkeiten aus seiner Sammlung flossen nach seinem letzten Willen der Münzensammlung des Ferdinandeums zu. Das Buch über "Die Münzen- und Medaillensammlung weiland des Arthur Grafen von Enzenberg", München um 1930, schrieb der in Innsbruck im Ruhestand lebende k.k. Oberst Ulrich Freiherr von BERG (gest. 1927). Dessen Sohn Dr. iur. Ludwig Freiherr von Berg, bei einem Autounfall tödlich verunglückt 1947, war gleichfalls ein tüchtiger Numismatiker und Verfasser einer Studie über die Münzstätte Ensisheim. Wertvolle Abhandlungen zur Geschichte der tirolischen Münzgeschichte veröffentlichte auch der steirische Forscher Professor Arnold LUSCHIN von Ebengreuth (1841-1932). Der jahrzehntelang in Graz ansässige, durch zahlreiche Veröffentlichungen bekannte Numismatiker Günther Freiherr von PROBSZT läßt sich durch seine Mutter, eine geborene von GASTEIGER, den Tiroler Forschern zurechnen. Als eine allgemein gehaltene, mehr den volkswirtschaftlichen Standpunkt vertretende Abhandlung sei die Dissertation des Alois von SCHNELL erwähnt: "Vom Gelde", Innsbruck 1808.

Hervorzuheben ist das große Interesse des tirolischen Adels an den Naturwissenschaften; es beschränkte sich nicht nur auf bloßes Studium, sondern brachte auch wertvolle Ergebnisse zustande. Vor allem ist auf die rege Beteiligung an der botanischen Forschung hinzuweisen.

Wenn adelige Ärzte wie der Damenstiftsarzt Dr. Hippolyt GUARINONI zu Hoffberg und Volderthurn (1571-1654) [22] und ein Arzt zu Innichen, Candidus von RAUSCHENFELS (1760-1838) [23] Kräuter sammelten und Herbare anlegten, mag das einem beruflichen Interesse zuzurechnen sein. Daß aber der Pfarrer von Vomp und spätere Weihbischof von Regensburg Franz von WEINHART zu Thierburg und Vollandsegg (1617-1686) sich ein großes Herbarium zusammenstellte [24], kann man nur als Liebhaberei eines mit der Natur verbundenen Landedelmannes betrachten.

Sowohl mit botanischen und zoologischen Untersuchungen wie mit physikalischen Experimenten beschäftigte sich der Innsbrucker Professor der Naturwissenschaften, Johann Nepomuk von LAICHARDING (1754-1797); er erregte besonderes Aufsehen, als er am 5. Oktober 1784 einen 300 Kubikfuß umfassenden Luftballon aufsteigen ließ [25].

Das erste zusammenfassende Werk über die heimische Pflanzenwelt, die "Flora von Tirol", drei Hefte, Innsbruck 1851-1854, veröffentlichte der Bozner Gutsbesitzer Franz Freiherr von HAUSMANN (1810-1878) [26]. Er machte sich auch dadurch verdient, daß er das im Jahr 1840 begonnene Kryptogamen-Herbar des Freiherrn Ferdinand von GIOVANELLI vervollständigte und die botanischen Sammlungen des Landesmuseums Ferdinandeum ergänzte und ordnete.

Unter den Mitarbeitern der Ferdinandeumszeitschrift erscheinen auch Hugo Graf ENZENBERG mit einem Beitrag: "Zur Botanik Nordtirols" im 9. Band der 3. Folge (1860) und Josef von SCHMUCK mit der Abhandlung: "Flora der Umgebung von Sterzing" im 12. Band (1865). Ein tüchtiger Botaniker war auch der als Genealoge erwähnte Sektionschef im Unterrichtsministerium Ludwig Freiherr von HOHENBÜHEL (1817-1885) [27]. Universitätsprofessor Karl Wilhelm von DALLA TORRE (1856-1928) schenkte seinem Vaterland die 6 Bände in 8 Teilbänden umfassende "Flora der gefürsteten Grafschaft Tirol", Innsbruck 1900-1913. Als tüchtiger Mitarbeiter zeichnet Ludwig Graf SARNTHEIN (1861-1914) im Hauptberuf Jurist und Statthaltereirat wie sein jüngster Bruder Landesregierungsrat Rudolf Graf SARNTHEIN (1883-1962) und dessen Altersgenosse und Kollege Oberregierungsrat Hermann Freiherr von HANDEL-MAZZETTI (1883-1963); dieser konnte in zahlreichen Aufsätzen von neuentdeckten Varianten und neu festgestellten Standorten mitteilen. Botaniker im Hauptberuf war sein älterer Bruder Heinrich Baron HANDEL-MAZZETTI (1882-1940); dieser brachte auf Forschungsreisen wertvolle Ergebnisse zusammen. Er konnte dadurch im Ausland zum Ruhm österreichischer Naturforschung beitragen; als Kenner der Flora von China genoß er internationales Ansehen.

Als Zoologen erscheinen unter den Mitarbeitern der Museumszeitschrift: Valentin von AICHINGER im Jahrgang 1870, Ludwig Baron LAZARINI-Zobelsberg (1849-1930), 1885 und 1888, Joseph von TRENTINAGLIA im Jahrgang 1865. Der bedeutende Ornithologe Viktor von TSCHUSI zu Schmidhofen (Prag 1847-1924 Hallein) war wie sein Nachruf berichtet, tirolischer Abstammung [27a]. Als zeitgenössischer Zoologe wirkt Hannes Freiherr von AN DER LAN an der Landesuniversität.

Ein berühmter Geograph war Franz von WIESER (1843-1923), besonders bekannt geworden durch seine Forschungen über die ersten kartographischen Darstellungen Amerikas. Auch der Nordpolforscher Julius von PAYER (1842-1905) war tirolischer Herkunft.

Geologen und Mineralogen: Leopold von BUCH, Jg. 1826 und 1827, Carl Cäsar von LEONHART, so 1834, Alois von PFAUNDLER, so 1825 und 1826. Joseph von SENGER veröffentlichte im 3. Bande des "Sammler für Geschichte und Statistik von Tirol", Innsbruck 1808 den Bericht über "eine Gebirgsreise in die Täler Fleims und Fasse" und Wilhelm von SENGER im Jahre 1821 bei Wagner in Innsbruck den "Versuch einer Oryctographie der gefürsteten Grafschaft Tirol". Dem hervorragenden Straßen- und Brückenbauer Leonhard LIEBENER (1800-1869) [28], der auch als Mineraloge durch neue Entdeckungen Vorzügliches leistete und im Jahre 1852 ebenfalls bei Wagner in Innsbruck eine Zusammenstellung in Form eines handlichen Taschenbuches "Die Mineralien Tirols", veröffentlichte, wurde im Jahre 1868 der erbliche Adelsstand zuteil.

Noch immer unersetzlich ist der von Karl Wilhelm von DALLA TORRE (1850-1928) verfaßte "Naturführer Tirol" aus der Reihe von Junks Naturführern, Berlin 1913. Im Taschenbuchformat enthält er alles Wissenswerte über geologische Verhältnisse, Mineralien, Fauna, Flora jeder tirolischen Gegend, auch Natursagen und Fundberichte sind mitgeteilt, sodaß das Werk ein aufschlußreicher Begleiter der Bergwanderer ist. - Gute Übersicht gibt auch die zusammenfassende Darstellung des ehemaligen Generalstabsobersten Robert von SRBIK (1878-1948): "Der Tiroler Bergbau in Vergangenheit und Gegenwart", erschienen in den "Berichten des medizinisch-naturwissenschaftlichen Vereins", Bd. 41, Innsbruck 1920. Hinzuweisen ist auch auf das Standardwerk des um Landesforschung und Kulturgeschichte Tirols hochverdienten Gründers und Herausgebers der Schlern-Schriften, Universitätsprofessor Raimund von KLEBELSBERG (1886-1967): "Geologie Tirols" (Berlin 1935). Eine Klimatographie von Tirol und Vorarlberg veröffentlichte Heinrich von FICKER (1881-1957) im Jahre 1909 und eine Studie über den Innsbrucker Föhn 1948.

Unter den Ärzten Tirols aus dem vorigen Jahrhundert war Karl von TOLDT (1840-1920) zu den angesehensten zu zählen. Ein tüchtiger Wissenschaftler war Professor Emanuel von HIBLER aus Lienz. Er starb am 23. Juni 1911 an einer im Dienst erlittenen Infektion. Eine vom Bildhauer Josef LIEBER geschaffene Gedenktafel ist zur Erinnerung an jenen verdienten Gelehrten im Pathologischen Institut der Universität Innsbruck angebracht [29]. Der berühmte Wiener Chirurg Julius von HOCHENEGG (1859-1940) stammte aus einer Tiroler Familie. Sein Großvater, Sohn einer Ehrwalder Kleinbauernfamilie, hatte sich um 1810 in Graz als Gewerbetreibender niedergelassen, dessen Sohn war ein angesehener Gerichtsadvokat, beide Enkel wurden Hochschulprofessoren. Professor Julius Hochenegg erhielt am 12. November 1914 von Kaiser Franz Josef den Adelsstand, doch der Tod seines einzigen Sohnes am 9. Mai 1915 am russischen Kriegsschauplatz beraubte ihn eines Nachfolgers. Professor Julius von Hochenegg verfaßte ein viel benütztes Lehrbuch der Chirurgie. Auch der angesehene Kinderarzt Professor Meinrad von PFAUNDLER (1872-1947) faßte seine Erfahrungen in einem Werk "Die Krankheiten des Kindesalters" zusammen. Zwischen 1943-1967 kam es in 23 Auflagen heraus.

Als berühmter Chemiker sei Ludwig BARTH von Barthenau (1839-1890) genannt [30], als hervorragender Mathematiker Leopold von PFAUNDLER zu Hadermur (1839-1920) [31]. Einer der berühmtesten Physiker des 19. Jahrhunderts war der Nobel-Preis-Träger Philipp Neri von LENARD (1862-1947). Zwar in Preßburg geboren entstammte er einer in Thaur ansässig gewesenen Adelsfamilie.

Ein angesehener Astronom war Josef von HEPPERGER aus Bozen (1855-1931), der Direktor der Wiener Sternwarte. Vor allem machte er sich einen geschätzten Namen durch Forschungen über die Kometenbahnen.

Auch auf dem Gebiet praktischer Arbeit bewährten sich Mitglieder tirolischer Adelsgeschlechter. Aus dem wertvollen Buch des Diplomingenieurs Ernst von ATTLMAYR: "Tiroler Pioniere der Technik", Innsbruck 1968, greife ich nur den Abschnitt über den Bozner Johann Josef von MENZ (1719 bis ca. 1811) heraus. Dieser hatte im Jahre 1756 als Frucht seines medizinischen Studiums eine Dissertation über gesundes und einfaches Leben veröffentlicht und sich dann der Technik zugewandt. Zuerst befaßte er sich erfolgreich mit dem Entsumpfen des "Bozner Mooses", dann aber mit dem Verbessern des Haller Salinenbetriebes. Gemeinsam mit dem ebenfalls zur Technik übergegangenen Dr. med. Franz Nikolaus STERZINGER von Salzrain entwickelte er eine brennstoffsparende Methode des Salzsiedens, die über die im Jahr 1711 von Adam Anton von TSCHIDERER-Gleifheim eingeführten Verbesserungen noch weit hinausgingen. Als Salzmair ging J. J. von Menz 1766 dazu über, die eigens hiefür konstruierten neuen Salzpfannen mit Häringer Braunkohle zu heizen; damit hörte arger Raubbau in den tirolischen Wäldern auf.

Auf technischem Gebiet ragten weiter hervor: der berühmte "Gasteiger-Khan", Albert von GASTEIGER aus Innsbruck (1823-1890) [32]. Als Ingenieur zuerst Mitarbeiter beim Bau der Semmeringbahn, folgte er im Jahr 1860 einer Berufung nach Persien, um dort Straßen und Festungen zu bauen. 1888 kehrte er nach glänzenden Leistungen als kaiserlich persischer General 1. Klasse mit der Würde eines Khan und Emir Pentsch in seine Heimat zurück, allerdings von Neidern, die ihm seine Erfolge mißgönnten, hinausgeekelt. Ebenfalls mußte auch der berühmte Planer des Suezkanals, Alois von NEGRELLI aus Primör (1799-1858) [33] den Undank der Welt erfahren! Gebührende Anerkennung im Ausland fand Hugo von KAGER aus Bozen (1847-1921) [34]. Ihm war es vergönnt große Arbeiten durchzuführen, die seiner Fähigkeiten würdig waren; seine leitende Mitarbeit am Bau der St.-Gotthard-Bahn, am Simplontunnel und großen Wasserwerken trugen ihm Dank und ehrlich gezollte Anerkennung ein.

Dem eigenen Vaterlande galt die langjährige Dienstleistung eines anderen Tiefbauingenieurs von treuer Tiroler Gesinnung; stets ließ sich Hofrat Robert von NEUNERBREITENEGG, geb. 1901, von Rücksicht auf den Heimat- und Landschaftsschutz leiten. Jetzt, in seinem Ruhestand, tritt er mit einem beachtenswerten Projekt, dem Plan einer Flachbahnlinie unter dem Brennerpaß, an die Öffentlichkeit.

Als Brückenbauer bewährte sich Hofrat Dipl. Ing. Franz von GERLICH (geb. 1885); er veröffentlichte 1957 auch ein schönes Werk über die Brücken Tirols. Als erfahrener Wildbachverbauer erstellte Diplom-Ingenieur Hofrat Otfrid von VITTORELLI zahlreiche unsere Siedlungen und den Kulturboden schützende Anlagen.

Sehr viel wurde im einst so erz- und salzreichen Land Tirol auf dem Gebiete des Bergbaues geleistet. Es wurde auch viel über montanistische Technik und Bergwerksgeschichte geschrieben; wieder war der Adel daran hervorragend beteiligt!

Zwar zu Unrecht gilt das noch in sieben Handschriften erhaltene Schwazer Bergwerksbuch als Werk des gebürtigen Innsbruckers Georg von ETTENHART. Dieser war als tüchtiger Fachmann nach Spanien berufen worden und am 17. Jänner 1648 in Madrid verstorben. Jenes Werk wird zwar meistens der "Ettenhartische Codex" genannt, ist aber schon um 1556 entstanden. Es dient praktischen Zwecken und schildert die Arbeitsweise im Berg [35]. Die "Tyroler Bergwerksgeschichte" des Joseph von SPERGES (1725-1790), Wien 1763, ist die grundlegende historische Arbeit über den heimischen Bergbau. Über den Haller Salzbergbau gibt es als akademische Abhandlung den "Iter per salinas Tyrolenses", Innsbruck 1707. Als Vorsitzender zeichnet der Jesuit P. Franz GAUN, als Referent der Studierende Johann Elias Oswald FEIGENPUZ von Griesegg aus Salurn. Wieder möchte man eher dem Letzteren die Verfasserschaft zumuten! Sechzig Jahre später erschien das Buch "Ursprung und Beschreibung des Hall-innthalischen Kochsalzes", 2. Auflage, Innsbruck 1767, verfaßt von Nikolaus STERZINGER von Salzrain. 

Der spätere Berg- und Salinendirektor Andreas Hofers, Josef von SENGER (1748-1828) veröffentlichte im ersten Bande der schon erwähnten Zeitschrift: "Sammler für Geschichte und Statistik von Tirol", Innsbruck 1807, "Beiträge zur Geschichte des Bergbaues in Tirol". Der in Fügen gebürtige Bergwerksbeamte Ignaz von SCHMUCK (1810-1882) verfaßte einen "Versuch eines Beitrags zur montanistischen Verwaltung und Rechnungskunde" [36]. 

Aus den Abhandlungen des Max von ISSER-Gaudententhurm (1851-1928) sei nur eine genannt, der "Schwazer Bergbau" in der Zeitschrift des Ferdinandeums, 3. Folge, Bd. 37, 1893. Ein vielbenütztes Werk verdanken wir Max WOLFSTRIGL VON WOLFSKRÖN (1849-1903): "Die Tiroler Erzbergbaue 1301-1665", Innsbruck 1903. Im folgenden Jahr erschien von Stephan von WORMS: "Schwazer Bergbau im 15. Jahrhundert", Wien 1904. 

Vom weiterdauernden Interesse des Adels am Bergbau sprechen die Innsbrucker Dissertationen des Adolf von BRUNSWIK de Korompa: Die geschichtliche Entwicklung des Bergbaus in Nordtirol mit einem Ausblick auf die Zukunft , 1928, und des Stephan PHILIPPOVICH: Arbeitsrecht im Bergbau, 1935. 

Nach dem Blick auf ein reiches schöngeistiges und wissenschaftliches Schrifttum wäre man geneigt, über volkstümlich-belehrende Veröffentlichungen hinwegzusehen. Man könnte jene "unbedeutenden", meist kleinen Schriften außerachtlassen. Auffallend ist jedoch, wie sehr sich Adelige bemüht haben, Bildung ins Volk zu tragen und es in Rechtsfragen zu beraten. Ich nehme die Beispiele aus dem Verlagskatalog der Wagnerischen Universitätsbuchhandlung in Innsbruck, Innsbruck 1904, in derselben Reihenfolge wie sie dem alphabetisch geordnetem Verzeichnis zu entnehmen ist: 

An der Grenze zwischen einer wissenschaftlichen Abhandlung und einer für weitere Kreise berechneten Rechtsunterweisung steht vielleicht die Veröffentlichung des Robert Freiherrn von BENZ: Autonomie und Zentralismus in der Gemeinde. 1895, 56 Seiten. Dann folgen von Hans von HELLRIGL: Die neue Fahrpostfrankierung mit Briefmarken. 1890. Als Plakat. - Verzeichnis der Postorte in Österreich-Ungarn. 1890, 88 Seiten. - Heinrich von KADICH: Das Landeskultur-Schutzorgan in Tirol und Vorarlberg. 1897, 61 Seiten. - J.J. von KALER: Gemeinnützige allgemeine Wandstempeltarife. 1830. Plakat. - Neueste Rechnungsscalen zum Gebrauch für k.k. Beamte. 2 Hefte, 1816-1820. - Auszug aus sämtlichen k.k. österreichischen Vorschriften in Stempelsachen. 2. Auflage 1828, 160 Seiten. - Eduard von LARCHER zu Eisegg: Erörterungen über das gesetzliche Pfandrecht des Vermiethers und Pächters. 1885, 105 S. - Anton Freiherr von MAGES: Verfachbuch oder Grundbuch. 1862, 72 Seiten. - Ferdinand von MITIS: Register desStempel- und Taxgesetzes vom 27. Februar 1840. 1840, 47 Seiten. - Übersicht der stempel- und taxpflichtigen Urkunden. 1841, 24 Seiten. - Franz von SCHWIND: Der Rechenstab für das des gewöhnlichen Rechnens unkundige Publikum eingerichtet. 1872, 2, Auflage 1879, Neudruck 1884, 30 Seiten. - J. Deodat Freiherr von SPIEGELFELD: Andeutungen zum Entwurf eines neuen Stömpelgesetzes. 1848, 45 Seiten. - Erläuterungen des Stämpel- und Taxgesetzes von 1840. 1843, 336 Seiten. Nachtrag 1846, gen des Stämpel- und Taxgesetzes von 1840. 1843, 336 Seiten. Nachtrag 1846, 175 Seiten. - Wilhelm von THIERRY: Ratschläge zur Kultur der japanischen Seidenraupe. 1867, 20 Seiten. - Anton von WALTENHOFEN: Astronomie und Optik in den letzten Dezennien. Populäre Skizze. 1862, 32 Seiten. - Johann Kaspar von WÖRNDLE Leichtfaßlicher Unterricht über die zweckmäßige Führung von Vormundschaften. 1832, 115 Seiten. - Joseph von ZALLINGER: Versuch einer Abhandlung über die in Tirol übliche Art des Weinhandels. 1833, 63 Seiten.

Diese Liste aus einem einzigen Buchverlag gibt Zeugnis wie es Adeligen sozusagen im Blut lag, ein Lehramt als Berater des Volkes auszuüben. Sie kannten dessen Bedürfnisse und haben mit solchen populären Schriften gewiß vielen Leuten gute Dienste getan! 

Von einem "im Blute liegenden Lehramt des Adels" läßt sich bei neu geadelten Verfassern volkstümlicher Schriften allerdings nicht sprechen. Oder sollte man ihnen, so wie es früher üblich war, "Ahnen schenken"? Weil nur der adelig Geborene als vollwertig galt bestätigen zahlreiche Adelsdiplome: schon die Vorfahren des Empfängers hätten den Adel geführt, den man jetzt erneuere! Vielleicht hatte diese Notlüge das Gute, um von Persönlichkeiten aus geachteten bürgerlichen Familien und einer dem Adel entsprechenden Geisteshaltung das Odium eines Emporkömmlings fernzuhalten? 

Die stete Fühlung des Adels mit dem Volke gab auch Anlaß sich mit der Volkskunde zu beschäftigen. Wertvolle Beiträge volkskundlicher Art finden wir auch in der ältesten Heimatzeitschrift Tirols, dem von Joseph von HÖRMANN, Andreas DI PAULI und Joseph von SENGER gegründeten "Sammler für Geschichte und Statistik von Tirol", Innsbruck 1806-1809. U.a. veröffentlichte Karl PRUGGER von Pruggheim (1763-1841) im dritten Bande (1808), einen Beitrag über die Mundart des Leuckentales. Der auch als Dichter genannte Joseph Freiherr von HORMAYR stattete seinen Text zum Stahlstichwerk "Views in the Tyrol from drawings after original sketches by Johanna von ISSER geb. Großrubatschei..., London 1833" mit volkskundlichen Ausführungen aus [37]. Selbstverständlich gab es auch vorzügliche Volkskundler bürgerlicher oder bäuerlicher Herkunft wie Johann Jakob STAFFLER (1783-1858), Beda WEBER (1798-1858) und die für ihre Verdienste in den Adelsstand erhobenen Adolf PICHLER (1819-1900) und Ignaz Vinzenz ZINGERLE (1825-1892). Ein treffsicherer Beobachter des Volkes und seiner Eigenheiten war der langjährige Direktor der Innsbrucker Universitätsbibliothek Ludwig von HÖRMANN (1837-1924) [38]. Hier sei nur auf seine bekanntesten Werke verwiesen: "Tiroler Volkstypen", Wien 1877, und sein "Tiroler Volksleben", Stuttgart 1908. Er schrieb auch anregende Wanderbücher durch Tirol und Vorarlberg, die viel Kulturgeschichtliches enthalten.

Volkskundliche Abhandlungen veröffentlichte im Schlern der Innsbrucker Germanist Oswald von ZINGERLE (1854-1937). Ein eifriger Deuter alter Sagenüberlieferungen war noch in hohem Alter der in Rum ansässige Mittelschulprofessor im Ruhestand Anton von AVANZIN (gestorben 1970).

Auch nach Tirol blickte Karl Freiherr von GUMPPENBERG aus München (1849-1928) in seinem Werk "Das Bauerntheater Südbayern und Tirols", Wien 1889. Theater wurde aber auch viel in Adelspalästen gespielt. Manches wurden öffentliche Aufführungen mit Hilfe von adeligen Teilnehmern gegeben, besonders wenn es sich darum handelte, einem wohltätigen Zweck Mittel zuzuführen. FISCHNALER's Innsbrucker Chronik berichtet zum Beispiel von einer Aufführung von Lessings "Emilia Galotti" durch adelige Dilettanten im Jahre 1784 [39], Ein Kreis junger Studenten aus den Familien von GIOVANELLI, von SCHNELL u.a. führte im Sommer 1848 am Ritten Komödienspiele auf zu Gunsten verwundeter Kaiserjäger [40]. Eine von den Schloßbesitzern liebevoll aufbewahrte barocke Bühneneinrichtung befindet sich in Lichtenwerth, Gemeinde Münster im Unterinntal. Beliebt waren auch Marionettenspiele im häuslichen Kreis. Ich besitze heute noch die zum Puppentheater meiner Urgroßeltern INGRAM-WEINHART gehörigen Figürchen. Auch durchziehende italienische Schauspieler boten sich an, in den Häusern des "hohen Adels" ihre Puppen vorführen zu dürfen [41].

So wie sich im Mittelalter die Tore der Burgen und die Herzen der Insassen den fahrenden Sängern und ihren Weisen geöffnet hatten, versammelten sich später in den Adelspalästen für Dichtung, Kunst und Wissenschaft begeisterte Kreise.

In der "Innsbrucker literarischen Gesellschaft", der sogenannten "Academia Taxiana", die von etwa 1736 bis 1756 bestand [42], trafen sich auch die Spitzen des Adels. Sie erhielt ihren Namen nach ihrem Treffpunkt im Bibliothekssaal des Grafen Leopold von THURN und TAXIS. Ihr gehörten an der Wiener Kardinal Christoph Graf MIGAZZI aus Trient, der Fürstbischof von Brixen Joseph Graf SPAUR, Landeshauptmann Paris Graf WOLKENSTEIN, Minister Karl Freiherr von FIRMIAN, der "k.k. wirkliche Hofrath" Joseph Freiherr von SPERGES, der Vizekanzler Freiherr von ROSSI, Karl Graf WELSBERG und andere Persönlichkeiten von Rang und Ansehen. Die Akademie hielt auch mit auswärtigen Gelehrten regen Kontakt. Nikolaus GRASS hat schon wiederholt auf die geistesgeschichtliche Bedeutung jener Vereinigung hingewiesen; er hat eine eingehende Arbeit über die "Academia Taxiana" im Druck. Die aufgezählten vornehmen Namen könnten den Eindruck erwecken, es handle sich um eine exclusive Gesellschaft hochadeliger Kreise. Tatsächlich waren genauso auch bürgerliche Gelehrte unter den Mitgliedern. Unter anderen verkehrte der stets in ärmlichen Verhältnissen lebende Geschichtsforscher Joseph RESCH (1716-1782), ein Weltpriester ohne höheren Rang, in der Akademie und erntete dort Anerkennung [43]. Denn jeder geistig Schaffende war willkommen!

Wissen und Bildung sollten nach dem Willen einsichtsvoller Männer ein allgemeines Volksgut werden! Josef EGGER rühmt den "vorzüglichen Gouverneur" Kassian Ignaz Grafen ENZENBERG (geboren 1709, Gouverneur seit 1764, gestorben 1782) wegen seiner großen Verdienste um das heimische Schulwesen [44]. Wenn die Volksbildung in Tirol im allgemeinen auf höherer Stufe stand als in anderen österreichischen Ländern, mag dies seiner guten Volksschule zu verdanken sein! - Schon erwähnt ist die Hochschulreform unter dem Unterrichtsminister Leo Graf THUN (1811-1888); er gehörte allerdings dem seit Jahrhunderten in Böhmen ansässigen Zweig jenes berühmten Tiroler Geschlechts an, sodaß man kaum mehr von einer tirolischen Leistung sprechen kann.

Pflege der höchsten Menschheitsideale galt als Hauptziel in den zu jener Zeit aufgekommenen Freimaurerlogen [45]. Hauptförderer der im Jahre 1777 zu Innsbruck gegründeten Logen "Zu den drei Bergen" und "Samos" war Leopold Franz Graf KÜNIGL (1726-1813).

An weitere Treffpunkte auf höherer Ebene ist man erinnert, wenn man Wilhelm Heinrich RIEHL's Schilderung eines Geigerquartettes liest [46]: Zwei Freiherrn besuchen sich abwechselnd auf ihren Burgen. Der eine ist von seinem Gutsverwalter, der andere von seinem Kammerdiener als Mitwirkendem begleitet. Sie spielen gemeinsam Werke von Joseph Haydn. Macht einer zufällig einen falschen Einsatz, erhält er Tadel ohne Rücksicht auf seinen Rang. Gelingt das Spiel in ungestörter Harmonie, dann bilden die vier ungleichen Partner eine Gemeinschaft der Seligen, verklärt und über Standesunterschiede hinweggehoben durch den Zauber unsterblicher Melodien!

Gute Hausmusik gehörte auch in Tirol zu den Liebhabereien gehobener Schichten. Am 14. Dezember 1769 konzertierte der damals dreizehnjährige Wolfgang Amadäus MOZART im Hause des vorhin erwähnten Grafen Leopold Franz KÜNIGL [47]. Zwei Jahre später, am 26. Oktober 1771, spielte er auch auf der Orgel des Königlichen Stifts zu Hall; es war nicht nur durch vorbildliche Wohlfahrtspflege, sondern auch durch sein vorzügliches Orchester berühmt [48]. In Bozen hielt sich Ludwig Graf SARNTHEIN (1792-1867), der Gatte der reichen Annette von MENZ, eine eigene Musikkapelle; er ließ im Merkantilgebäude sogar Opern aufführen [49]! Kammermusik, auch Symphonien, erklang in Hall im Hause des Großkaufmanns Matthias von WENGER zu Wiesenburg (1758-1820) [49a].

Der Vorliebe des Adels für das Reich der Töne entspricht es, daß auch eigene, weit über den Dilettantismus hinausgehende Leistungen zu nennen sind. So war der Bozner Edelmann Anton von MAYRL (1810-1869) Komponist wertvoller Oratorien und Messen [50] und P. Hartmann von AN DER LAN (1863-1914) aus dem Orden des hl. Franziskus, als Organist und Komponist ein berühmter Meister kirchlicher Musik. Franz von GOLDEGG in Bozen hinwiederum war, um ein anderes Beispiel zu nennen, ein tatkräftiger Förderer des heimischen Tondichters Matthäus NAGILLER (1815-1874) [51]. Im Ausüben wie im Fördern der schönen Künste erfüllte der heimische Adel eine wichtige Kulturaufgabe!

Ausübende Musiker der Gegenwart: Imre Graf SEILERN in Hall als meisterlicher Geigenspieler, das Innsbrucker Ehepaar Bernhard Freiherr von HANDEL und Johanna von SALIS als vorzügliche Orgel- und Cembalospieler, auch der hochbegabte Pianist Othmar von RICCABONA führen die Überlieferung weiter.



 
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