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Der Adel im Leben Tirols
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Monday, 12 March 2007
Article Index
Der Adel im Leben Tirols
Grundherr u. Bauer
Adelsbesitz Gestern u. Heute
Adelsherrn als Kulturträger
Adel u. Kunst
Adelige im priesterlichen Beruf
Soziales Wirken des Adels
Adelige als Dienstherrn
Großgrundbesitzer als Volksvertreter
Waffendienst fürs Vaterland
Schlusswort

3. Adelsbesitz Gestern und Heute

Das Gesamtbild der tirolischen Ortschaften ist weitgehend durch hochragende Gotteshäuser und Adelsbauten bestimmt. Fast in jedem Dorf stehen eine oder mehrere Burgen und Edelsitze. Vor wenigen Jahrhunderten waren es weit mehr. Zu jedem dieser Bauwerke gehörte oder gehört noch ein entsprechender Besizt an Feld und Wald. Der Anteil des Adels am heimischen Boden war jedenfalls beträchtlich. Dr. Hans Graf TRAPP berechnet in seiner Dissertation an Hand des tirolischen Steuerregisters von 1574, daß durchschnittlich 11% des tirolischen Grundbesitzes vom Adel in Eigenregie bewirtschaftet wurden. Die Streuung war ungleichmäßig. Der höchste Prozentsatz ergab sich im Pustertal, 28%, der niedrigste im Wipptal, 1%.

Im Rahmen dieser Abhandlung können allerdings nur Streiflichter auf frühere und gegenwärtige Besitzverhältnisse geworfen werden; mir liegt es vor allem daran, auf die engen Bindungen zwischen Nord- und Südtirol hinzuweisen.

Seinerzeit hatten manche Südtiroler Adelsfamilien auch in Nordtirol Besitz. Schon ihre Teilnahme an den Sitzungen des Landtages oder von ihren Mitgliedern bekleidete Beamtenstellen bewogen sie, sich vor allem in der Nähe der Landeshauptstadt Quartiere bereit zu halten. Über ihre Innsbrucker Palais geben Rudolf von GRANICHSTAEDTEN's vier Bändchen" "Altinnsbrucker Stadthäuser und ihre Besitzer" [1] hinreichend Aufschluß. Sie nennen die oftmals wechselnden Sitze der ENZENBERG, FERRARI, INGRAM, KÜNIGL, LODRON, SARNTHEIN, SPAUR, TAXIS, WOLKENSTEIN usw. Es sei nur auf die Geschichte der "Wolkenburg", heute Palais der Grafen TRAPP, Maria-Theresien-Straße 38, verwiesen. Eigentümer waren die TAXIS, dann die LIDL von Mayenburg, 1624 die WOLKENSTEIN, die jenem Gebäude den früheren Namen gaben, 1678 die LODRON, 1704 die SPAUR, 1710 die KÜNIGL, 1711 die Freiherrn von GREIFFEN, 1731 wieder die WOLKENSTEIN, 1767 wieder die KÜNIGL, seit 1804 sind es die TRAPP [2].

Auch Edelsitze rings um Innsbrucks Altstadt, so der Ferrarihof in Wilten, der Lodronische Hof in Pradl, das Korethgasthaus in Mühlau, das Spaurschlößl, später Ingramschlößl am Saggen, das Trappschlößl in Amras (heute Philippine-Welser-Straße 82), Schloß Mentelberg als ehemaliger Gutshof "auf der Gallwiesen" der Herrn von KHUEPACH, erinnern fort und fort an den früher weit verzweigten Grundbesitz vor allem des Südtiroler Adels. Allerdings hielten seine Inhaber an jenen Außenposten nicht so eisern fest wie an ihren Stammsitzen. Sie benützten sie vielfach zur Versorgung weichender Töchter oder verkauften sie, weil vielleicht doch zu wenig innere Bindung vorhanden war.

Auch die in Hall ansässigen Adelsgeschlechter hatten ihre Stadthäuser, dann außerhalb des Mauerringes ihre Gartenhäuser, in den Nachbargemeinden Landgüter, sie hatten auch ihre eigenen Kirchen oder Grabkapellen. Man könnte vergleichsweise an die verschiedenen "Bozner Seligkeiten" denken: ein Haus unter dem Lauben, ein Weingut in Überetsch, ein Sommerfrischhaus am Ritten, ein fester Platz in der Kirche, eine Loge im Theater, eine Arkade im Friedhof und so fort - in Hall mangelte eigentlich nur der Theatersitz, denn eine ständige Bühne war nicht vorhanden, so gern man auch Theater spielte!

Der Liegenschaftsbesitz der wohlhabenden Haller Adelsfamilien war mehrfach gestaffelt. Zum Beispiel hatten die FIEGER als Stadtburg das Schloß Sparberegg, ein festes Bollwerk der städtischen Befestigung gegen Südosten, dann rings um die Stadt Schlösser und Edelsitze, so Melans und Friedberg. Der von ihnen um das Jahr 1490 errichtete Vorbau am Haupteingang der Stadtpfarrkirche barg in seinem oberen Geschoß die "Fiegerische Kapelle" als ihre Begräbnisstätte.

Die Herren, später Grafen von CORETH hatten um 1680 im Norden der Stadt ihren Ansitz an der Stelle des heute "Schneeburg" genannten und um 1928 gründlich umgebauten Sitzes der Grafen STOLBERG, Bruckergasse 15. Der Name stammt von den Freiherrn von SCHNEEBURG als Vorbesitzern; um 1800 sprach man von "Baron-ROST-Schlößl" nach den damaligen Eigentümer [3]. Die an der Straßenkreuzung gelegene "Corethkapelle" behielt ihren Namen, bis sie 1930 zur Kaiser-Franz-Josef-Gedächtniskapelle umgestaltet wurde und dabei den gerundeten Giebel anstelle des ursprünglichen Satteldaches erhielt. Ferner besaßen die Coreth den nach ihnen benannten "Corethhof" am Kleinvolderberg.

Die Grafen KHUEN-BELASY hatten ihr Stadthaus in der Bachgasse, heute Erzherzog-Eugen-Straße 12, östlich vor der Stadt einen Meierhof, jetzt Kaserne, Alte-Zoll-Straße 2, dann als ihr Erbbegräbnis das St.-Josefs-Kirchlein neben der Stadtparrkirche [4].

Vielfach war der Haus- und Grundbesitz der Familie WALLPACH von Schwanenfeld. Sie hatten Stadthäuser in der heutigen Wallpachgasse, Haus Nr. 6, das Eckhaus Schlossergasse 1, dann das "Wallpachische Gartengut", Alte-Zoll-Straße 2, in Heiligenkreuz einen Edelsitz, den Oberen Holerhof, jetzt Reimmichlstraße 1, den ebenfalls edelsitzartigen Unteren Holerhof, Reimmichlstraße 7, in Häusern, Gemeinde Ampaß, das heute in bäuerlichem Eigentum stehende Landgut Schwanenfeld. Eine Hauskapelle soll sich im Haus Wallpachgasse 6 befunden haben; die Wallpach hatten sozusagen auch ihre eigene Kirche, sie sind heute noch Patrone der Pfarre Absam!

Auch die WENGER von Wiesenburg, geadelte Handelsherrn, hatten mehrere Häuser in der Stadt, das "Ober Wengerhaus", Schlossgasse 2, und das "Untere Wengerhaus" mit dem gegen Süden angebauten "Wengerturm", Untere Stadtplatz 6-7. Ihr Gut am Hang jenseits der Innbrücke, "Brantach" genannt, wurde 1968 beim Bau der Autobahn abgetragen.

Die Freiherrn und spätere Grafen WICKA von Wickburg, Rainegg und Mantcroix, ein während der Franzosenkriege um 1680 zu großem Reichtum gelangtes Lothringer Geschlecht [5], besaßen in Hall das Schloß Rainegg ober dem einstigen Thaurer Tor, heute Ritter-Waldauf-Straße 16, zeitweise den Edelsitz Taschenlehen im Volderwald und die von ihnen erbaute Wickburg auf der Breitwiese im Gnadenwald; heute steht dort das aufgelassene Hotel Wiesenhof. Daneben errichteten sie eine Kapelle zur Schmerzhaften Mutter als Begräbnisstätte. Sie waren so reich, daß man sagte, sie könnten auf jeden Zaunstecken ihrer Besitzungen ein Goldstück legen. Doch wie ein Meteor verblaßte ihr Ruhm; ihr Vermögen schwand dahin; im Jahre 1760 kam ihr Innsbrucker Haus, Innstraße23, aus der Konkursmasse in bürgerliche Hände. 1822 erlosch das Geschlecht mit Josef Bartlmä Graf Wicka, Pfarrer von Algund.

Im Gegensatz zu den Vorgenannten erhielt sich die Familie von KRIPP trotz mancher Schicksalsschläge seit mehr als einem halben Jahrtausend, nämlich seit 1454, auf ihrem Schloß Krippach in Absam, das sie mit aller Treue instandhält. Mit beispielgebender Fürsorge erhalten die Kripp, vor allem ihr Senior, Dr. Paul Freiherr von Kripp, ihre Familienstiftung, die Salvatorkirche in Hall. Ein Ahnherr hatte im Jahre 1392 mit dem Bau an der Stelle begonnen, wo ein Priester mit dem Allerheiligsten bei einem Versehgang in einen Keller gestürzt war [6]. Am 16.II.1945 erlitt das Gotteshaus schweren Bombenschaden. Durch jene aufopfernde Fürsorge stehen jetzt die mittelalterliche Kirche und das zugehörige Benefiziatenhaus erneuert und verschönt wieder da. Sie geben Zeugnis von adeliger Gesinnung, die keine Opfer scheut, um die Stiftung ferner Vorfahren zu erhalten!

Freilich sind nur mehr wenige Adelsfamilien in der glücklichen Lage, die mitunter seit Jahrhunderten mit ihrem Namen verbundenen Liegenschaften oder wenigstens einen anderen alten Edelsitz ihr Eigen zu nennen. Es sei im Folgenden versucht, die gegenwärtig in Adelsbesitz befindlichen Burgen und Edelsitze Nordtirols zu verzeichnen. Südtirol ist nur deswegen außerachtgelassen, weil sich der Verfasser leichter tat, aus Nordtirol geeignete Unterlagen zu finden. Die Tatsache sei hervorgehoben, daß der Großteil der noch in Nordtirol grundbesitzenden Adelsfamilien aus Südtirol stammen.

ABSAM:Schloß Krippach der Freiherrn von KRIPP; Edelsitz Melans der Freiherrn von RICCABONA.
FLIESS:Schloss Bidenegg der Freiherrn von PACH.
GNADENWALD:Schloß Thierburg und der ehemalige Edelsitz Vollandsegg der Herren von LIPHART.
HALL:Ansitz Breitenau der Erben nach Therese Baronin CLES; Schloß Rainegg, Mitbesitzer Oswald von PLAWENN; Schloß Schneeburg der Grafen STOLBERG.
INNSBRUCK:Hötting, Schloß Schneeburg der Erben des Grafen SPIEGELFELD aus den Häusern Auersperg, Consolati, Coreth; Mühlau, Schlösser Rizzol und Grabenstein der Herrn von LIPHART; Völserstraße, Ansitz Geroldsegg (die "Figgen") der Herrn von OTTENTHAL.
KAUNS:Schloß Bernegg der Freiherrn von PACH.
KITZBÜHEL:Die Schlösser Kaps und Lebenberg der Grafen LAMBERG [8]
KRAMSACH:Schloß Achrain der Grafen TAXIS-BORDOGNA.
MATREI am Brenner:Schloß Trautson der Fürsten AUERSPERG; die Latschburg [9] der Herrn von WOERTZ.
MILS bei Hall:Schloß Schneeburg der Gräfin BENIGNI.
MÜNSTER:Schloß Lichtenwerth der Familien von INAMA und MERSI.
OCHSENGARTEN:Schloß Küthay der Grafen STOLBERG.
PATSCH:Der Grünwaldhof der Grafen THURN und TAXIS.
STANS:Schloß Tratzberg der Grafen ENZENBERG [10].
STUMM:Schloß Stumm, seit ca. 1939 Eigentum der BRAUN von Stumm.
TRINS:Schloß Schneeburg der Grafen SARTHEIN.
VOLDERS:Schloß Aschach der Freiherrn von ALTENBURGER; Schloß Friedberg der Grafen TRAPP.
VOMP:Schloß Sigmundslust der Freiherrn von BIEGELEBEN.
   
Immerhin ist noch ein ansehnlicher Teil der nordtiroler Edelsitze in adeliger Hand, obwohl in unserem Jahrhundert schon mancher abgeschrieben werden mußte: ua.a:
  
ALDRANS:Brandhausen (letzter adeliger Besitzer: von Neupauer).
AMPASS:Taschenlehen (von Schumacher).
BAUMKIRCHEN:Wohlgemutsheim (Grafen Galen).
BRIXLEGG:Kopfsberg (Baron Kopf).
FÜGEN:Schloß Fügen (Grafen Sternberg).
HALL:Aicham (Aichheim), Sulzgassl 4 (von Wenger); Altenzoll, Salzburgerstraße 26 (Baron Hohenbühel); Breitenegg, Rudolfstraße 8-10 (Baron Streicher); Schönegg, Kaiser-Max-Straße 13-15 (Baron Spiegelfeld).
INNSBRUCK:Igls: Hohenburg (von Ficker); Mühlau: Weiherburg (von Attlmayr); Wilten: Mentlberg (Herzog von Alencon).
KITZBÜHEL:Münnichau (Grafen Lamberg).
LADIS:Ruine Laudegg (Baron Handel-Mazzetti).
SILZ:Petersberg (Grafen Stolberg).
UNTERPERFUSS:Ferklehen (von Vintler).
  

Auch in Südtirol waren bekannte Geschlechter zur Hingabe ihres Schloßbesitzes veranlaßt. Jene Verkäufe werden leider weitergehen. In anderen Ländern ist es auch nicht anders! Wir lesen zum Beispiel in der "Tiroler Tageszeitung", Nr. 33 vom 10.II.1971:

"60 Schlösser und Burgen aus den letzten 400 Jahren sind in Bayern billig zu verkaufen. Die Instandhaltungskosten der Gebäude sind so hoch, daß die Besitzer, meistens verarmte Adelige, ihnen nicht gewachsen sind."

Das Zurückgewinnen eines einmal verlorenen Familiengutes ist leider nur in den wenigsten Fällen möglich. Weil aber Liebe zur Scholle eine wesentliche Seite adeliger Geisteshaltung ist, ließen sich mehrere Adelsfamilien in einstigen Bauernhäusern oder in neu errichteten Ansitzen am Land nieder, teils zu dauerndem Aufenthalbt, teils um wenigstens die Ferientage dort verbringen zu können. Lange Jahre bevor allenthalben die Wochenendhäuser wie Pilze aus dem Boden schossen, suchten und fanden sie da und dort die "Heimat des Herzens".

Auffallend ist, daß unter jenen ländlichen Siedlern eine Reihe von Persönlichkeiten zu nennen ist, die im Kulturleben Tirols eine Rolle spielten!

Unter anderen sind zu nennen:

  
ALDRANS:"Neu-Schrattenhofen" ("Schullernschlößl"), erbaut kurz vor dem Ersten Weltkrieg vom Nationalökonomen und Genealogen Univ.-Prof. Dr. Hermann von SCHULLERN-Schrattenhofen (1861-1931).
AMPASS:"Lidlhof": auf ihm saß der verdiente Speckbacherforscher Hofrat Ludwig von NEUNER (1867-1944)
EHRWALD:Dr.Heinrich-Srbik-Weg 1: Landsitz des berühmten Historikers Dr. Heinrich Ritter von SRBIK (1872-1951).
GNADENWALD:Haus Nr.70: Landsitz des Freiherrn von SCHWIND, u.a. des Rechtshistorikers an der Wiener Universität Ernst Freiherr von Schwind (1865-1932) sowie seines Sohnes Univ.-Prof.Dr. Fritz Freiherr von Schwind.
HALL:Ansitz Altenzoll: ehem. Sitz des Historikers und Naturfoschers Ludwig Freiherr von HOHENBÜHEL (1817-1885).
INNSBRUCK:Amras, Peerhöfe: Stiftung des am 18.XII.1879 verstorbenen Josef Ritter von PEER zu Egertal zugunsten der Tiroler Adelsmatrikel-Genossenschaft; Igls, Rotadlerhof: vormals Eigentum des um die Tiroler Familienkunde und die Geschichte der Tiroler Freiheitskämpfer verdienten Prof. Rudolf v.GRANICHSTAEDTEN-Czerva (1885-1967).
NATTERS:Ehemalige Sommersitze des Dichters Heinrich von SCHULLERN (1865-1955) und des Histologen Sigmund von SCHUMACHER (1872-1955).
ÖTZ:Piburg: Landsitz des Naturforschers Leopold von PFAUNDLER zu Hadermur (1834-1920) [11].
VOLDERS

Ansitz Khuepach: Ein kleines Bauernhaus, bis 1822 beim "Spechten", später beim "Stiegler" genannt, mit meterdicken Mauern, war ursprünglich vielleicht ein Vorwerk des ehemaligen "Volderthurns". Admiral Arthur von KHUEPACH (1869-1951) baute es zu einem stattlichen Sitz im Südtiroler Stil um [12]. Der als Genealoge bekannte Eigentümer überließ den Ansitz letztwillig der Tiroler Adelsmatrikel-Genossenschaft.
Landhaus beim "Kröllen": Langjähriger Sommersitz des angesehenen Geographen und Museumsvorstand Hofrat Franz von WIESER (1848-1923), jetzt seines Sohnes Hofrat Hans von WIESER [13]. Dieser wurde wegen seiner Verdienste um die heraldische Forschung als "Herr und Landmann in Tirol" in die Tiroler Adelsmatrikel aufgenommen.

KLEINVOLDERSBERG:Corethhof, Lexenhof, Glaserhof: von RICCABONA.
  

Liegenschaften verschiedener Art und Größe sind hier genannt, vom stattlichen Landgut bis zum Einfamilienhaus. Schließlich genügt auch der bescheidenste Grundbesitz, um im Boden fest verankert zu sein, denn doppelte Kraft gewann der Riese Anthäus, soblad er seine Mutter Erde berührte!



 
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