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Der Adel im Leben Tirols
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Monday, 12 March 2007
Article Index
Der Adel im Leben Tirols
Grundherr u. Bauer
Adelsbesitz Gestern u. Heute
Adelsherrn als Kulturträger
Adel u. Kunst
Adelige im priesterlichen Beruf
Soziales Wirken des Adels
Adelige als Dienstherrn
Großgrundbesitzer als Volksvertreter
Waffendienst fürs Vaterland
Schlusswort
HOCHENEGG, Hans - "Der Adel im Leben Tirols - Eine soziologische Studie", in Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bd. VIII, Innsbruck 1972.

- Hans HOCHENEGG -

1. Die Entstehung des Adels

Obwohl sich unsere Studie mehr mit neuzeitlichen Verhältnissen befaßt, scheint es notwendig, das Entstehen des Adels und im besonderen die Geschichte des tirolischen Adels in Kürze zu schildern. Die Menschen verliehenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind ungleich verteilt. Dies führte dazu, daß kraftvolle Persönlichkeiten andere Menschen zu ihren Untertanen machten und daß Schwache den Schutz der Stärkeren suchten. Als Söhne von Gottheiten betrachtet ragten Herrenmenschen als Stammführer über die Masse des Volkes hinaus. Schon aus Machtpolitik verbanden sich ihre Familienangehörigen mit Sprossen ähnlicher Herkunft. So bildete sich eine gehobene Schicht, in der sich Herrschereigenschaften vererbten.

In Kriegen und bei politischen Umstürzen war es immer schon Brauch die Elite der Unterlegenen zu beseitigen,um jene Elemente auszuschalten, die den neuen Machthabern im Wege standen. So kann angenommen werden, daß nur wenige edle Familien aus der romanisierten Urbevölkerung Tirols die Stürme der Völkerwanderungszeit überdauert haben. Gänzlich ausgerottet oder entmachtet waren sie nicht; dies geht aus der bekannten großen Güterschenkung des Breonen QUARTINUS an das Stift Innich im Jahre 828 hervor [1].

Josef EGGER unterscheidet in seinem Werk: "Die Tiroler und Vorarlberger" [2], dem ich hier im wesentlichen folge, fünf Perioden der Entwicklunge des tiroler Adels.

Während des ersten Zeitraumes, etwa bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, spielten Edle aus dem Stand der Gemeinfreien, die durch Erwerb größeren Grundbesitzes Einfluß erlangt hatten, die erste Rolle. Auf ihren Besitzungen saßen zahlreiche Ministerialen. Unfreien Standes gehörten diese zur Familie ihres Herrn. Ihr Dienst war ritterlich: Gefolgschaft im Krieg und Verwaltung von Gütern und Burgen. Sie gewannen im Verlauf der Zeit immer größere Freiheit und größere Rechte ihren Herrn gegenüber. Allmählich schwand der Unterschied zwischen Ministerialen und dem zusammengeschmolzenen alten Adel.

Die zweite Periode, das 14. und 15. Jahrhundert, ist die Blütezeit der emporgekommenen Ministerialengeschlechter. Teils durch die Gunst, teils durch die Schwäche der jeweiligen Landesfürsten bringen sie eine Burg, eine Herrschaft nach der anderen in ihre Hände. Mächtige Adelsverbindungen, wie der Elefantenbund, bilden sich. Heinrich von ROTTENBURG verfügt über ein größeres Einkommen als der Landesfürst. Es kommt zum Kampf mit der landesfürstlichen Gewalt. Herzog FRIEDRICH mit der leeren Tasche (1406-1439) bricht die Macht des Adels. Die stolzen Rittergeschlechter müssen auf ihr Fehderecht verzichten und sich dem Landesfürsten unterordnen.

In der dritten Periode, die mit dem Regierungsantritt des Königs MAXIMILIAN, 1490, beginnt und mit dem Aussterben der eigenen Regentenlinie, 1665, schließt, bildet sich der Beamtenadel. Durch die Gunst des Fürsten lassen sich ältere Geschlechter in Anerkennung treuer Dienste höhere Titel verleihen. Neuer Adel wird vom Kaiser, vom Landesfürsten und von den Bischöfen des Landes verliehen. Im Grunde genommen war es nur zum Vorteil des Standes, wenn er durch verdiente, tüchtige Männer frischen Zuwachs erhielt. Immer wieder aus dem Volk ergänzt blieb der Adel stets mit dem Volk verbunden. Freilich war die Zahl der Nobilitierungen unverhältnismäßig hoch. Allein vom Landesfürsten Erzherog FERDINAND II (1567-1595) kennt man 102 Adelsdiplome. Von den 355 Schlössern und Adelssitzen, die es um das Jahr 1620 in Tirol gab, lagen fast alle, von den 142 Herrschaften, Gerichten, Burgfrieden, Hofmarken die Mehrzal in Händen des Adels.

Hofämter, Kriegsdienste, Bergbau eröffneten neue Einnahmequellen. Sie führten vorübergehend zu einer Zeit höchsten Glanzes des adeligen Lebens; in einem zum Großteil unwirklichen Gebirgsland vermochte sich freilich niemals der gleiche Reichtum zu entwickeln wie in anderen Ländern. Schon bei der übergroßen Zahl adeliger Familien konnte das durchschnittliche Vermögen nicht allzu hoch sein. Tatsächlich zeigten sich bald Zeichen des Abstiegs. Weltwirtschaftliche Veränderungen, Versiegen des Bergsegens, Folgen der Reformation und Gegenreformation, erhöhte Landessteuern und Umlagen, übermäßiger Aufwand, Besitzzersplitterung zwangen zum Auswandern oder zu Gutsverkäufen. Burgen wurden zu Ruinen.

In der vierten Periode vom Ende des Innsbrucker Hofes, 1665, bis zum Regierungsantritt von Kaiser JOSEF II, 1780, behauptete nur der Südtiroler Adel seine wirtschaftliche und politische Selbständigkeit. Die Nordtiroler und die aus dem Süden nach Nordtirol ausgewanderten Adelsfamilien suchten ihr Auskommen fast ausschließlich durch Beamtendienste. Der finanzielle Niedergang des Adels äußert sich aus dem Zusammenschrumpfen der ohnehin seltenen größeren Familienvermögen auf einen Bruchteil des einstigen Umfangs.

Den Instanzenschematismen, nämlich den Amtskalendern aus dem 18. und dem frühen 19. Jahrhundert, kann man die auffallend große Zahl von Adeligen entnehmen, die sich mit bescheidenen Kanzleidiensten begnügen mußten. Höhere Stellen waren mit qualifizierten Kräften besetzt: man findet sowohl adelige wie bürgerliche Namen. Adelsherren auf leitenden Posten, die ihren Dienst pflichteifrig und gewissenhaft versahen - und man hört ungleich mehr von tüchtigen Betreuern der anvertrauten Ämter als von Versagern! - konnten der Allgemeinheit weit größere Dienste leisten als der unabhängige Gutsherr, dessen Wirkungskreis nicht über seinen Burgfrieden hinausging! Allerdings muß ich meinen späteren Ausführungen vorgreifen: dem unabhängigen Adelsherrn fielen meistens so viele Ehrenämter zu, daß er der Öffentlichkeit genau so diente wie ein Berufsbeamter!

In der letzten, bis zur Gegenwart reichenden fünften Periode schwanden Macht und Vermögen des Adels noch mehr; der Zahl nach blieb er unverhältnismäßig groß. Nach dem Bevölkerungsstand im Jahre 1788 gab es in Tirol 3092 adelige Personen, durchschnittlich je eine auf 200 Landesbewohner. Im Bozner Kreis aber traf es auf nur 128, im Stift Trient auf 126 Einwohner schon je einen Adeligen.

Josefinische Reformation, Verfügungen aus der Zeit der bayrischen Herrschaft, Vermögensverluste in den Napoleonischen Kriegen, vor allem durch die damalige Geldentwertung, später durch die Grundentlastung und den berüchtigten Bankkrach von 1873, der vornehmlich Adelige traf, hatten schonn vor dem Ersten Weltkrieg zum Verarmen berühmter Familien geführt. Für manche ihrer Mitglieder war der hochklingende Titel alles eher als ein Vorteil; er erschwerte ein Eingliedern in bürgerliche Erwrbstätigkeit.

Wer aus diesem kurzen Überblick Einsicht in die wenig rosige materielle Lage des Tiroler Adels gewonnen hat, wird sich in den folgenden Kapiteln, geschilderten Kulturleistungen umsomehr würdigen können! CHARAKTERSTÄRKE, HEIMATLIEBE, SOZIALE HILFSBEREITSCHAFT GEDEIHEN BESSER AUF KARGEM BOGEN ALS AUF ÜPPIGER WEIDE!

Noch sei ein Blick auf die Organisation des heimischen Adels geworfen! Er ist schon seit Jahrhunderten in der "TIROLER ADELSMATRIKEL" zusammengeschlossen [3]. Dieser Ausdruck bedeutete ursprünglich ein Verzeichnis der landständischen Familien und ihrer Angehörigen. Erst später ging der Name über auf die Organisation des Adels.

Als Grundlage gilt die Teilnehmerliste an einem angeblich am 5.IX.1361 abgehaltenen Landtag [4]. Jakob Andreas von BRANDIS hatte sie in seiner Geschichte der Landeshauptleute von Tirol und Franz Adam Graf Brandis in seinem "Tiroler Ehrenkräntzl" (Bozen 1678) aus einem nicht mehr vorhandenen Schriftstück mitgeteilt. Von den darin genannten 122 Familien blühen heute noch acht. Zum erstenmal tauchte der Ausdruck "Matrikel" auf, als die Familien verlesen wurden, die zum Meraner Landtag vom 16.XI.1444 geladen wurden. Endgültig entstand die "Adelsmatrikel" erst, als die durch entsprechenden Grundbesitz zur Teilnahme am Innsbrucker Landtag vom 21.I.1518 berechtigten, ja verpflichteten Adeligen von amtswegen in einem Buch eingetragen wurden.

Die vorzüglichsten Privilegien des landständischen Adels waren: Sitz und Stimme im offenen Landtag bei einem Mindestalter von 16 Jahren, Vorrang vor nicht immatrikulierten Adeligen, Recht auf Anstellung in Zivil- und Militärdiensten, Zollfreiheit, eigener Gerichtsstand vor dem adeligen Hofgericht in Bozen, das kleine Jagdrecht, das Recht des Waffentragens, des Tragens der roten Uniform und des Abzeichens der Matrikel mit dem Tiroler Adler usw. Das aus Aufnahmetaxen und dergleichen angesammelte Kapital der Adelsmatrikel diente dazu, um in Not geratenen Mitgliedern "Ritterhilfe" zu gewähren.

Die Adelsmatrikel wurde mit 22.XI.1882 als Tiroler "Adelsmatrikel-Genossenschaft" ein Verein im Sinne des Vereinsgesetzes, sie überdauerte alle politischen Veränderungen. Seit dem 1.IV.1950 lautet ihr neuer Name "TIROLER MATRIKEL-STIFTUNG"; ihre Ziele und Aufgaben sind unverändert geblieben.

Die Stiftung besitzt teils durch hochherzige Widmungen, teils durch Ankauf mehrere Liegenschaften, darunter das Geburtshaus Andreas Hofers zu Sanz im Passeier. Aus deren Ertrag kann sie bedrängten Standesgenossen helfen und auch ihr Archiv pflegen als eine hochbedeutsame Quellensammlung zur Geschichtskunde und zur Landesgeschichte Tirols.

 


 
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