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Der Adel im Leben Tirols
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Monday, 12 March 2007
Article Index
Der Adel im Leben Tirols
Grundherr u. Bauer
Adelsbesitz Gestern u. Heute
Adelsherrn als Kulturträger
Adel u. Kunst
Adelige im priesterlichen Beruf
Soziales Wirken des Adels
Adelige als Dienstherrn
Großgrundbesitzer als Volksvertreter
Waffendienst fürs Vaterland
Schlusswort

10. Waffendienst fürs Vaterland

Noch war nicht davon gesprochen worden, daß es zu den Pflichten, ja zum Wesen des Adeligen gehörte, dem Fürsten und damit dem Vaterlande mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit zu dienen. Deswegen genoß der Adel manche Privilegien; er wurde mit Gütern bedacht, damit man sich im Ernstfall auf ihn verlassen konnte.

Der Adelige mußte jederzeit zum Ausrücken in den Kriegsdienst bereit sein. Im Tiroler Landlibell von 1511 war die Leistung jedes Wehrpflichtigen genau festgesetzt [1]. Je nach der Größe ihres Besitzes hatten die Grundherrn eine bestimmte Anzahl von Knechten und Pferden mitzubringen. Auch in den übrigen österreichischen Ländern gälten Zuzugsordungen mit einem genauen Verzeichnis der zu erbringenden Leistungen. In meiner Sammlung kaiserlicher Erlässe befindet sich eine gedruckte, noch unausgefüllte Aufforderung zum Stellen einer "Hilff zu Roß und Mann" für den bevorstehenden Türkenkrieg nach dem vom Reichstag zu Regensburg festgesetzten Anschlag, erlassen zu Wien am 23.12.1536. Der 40:53 cm an Höhe und Breite messende Einblattdruck begründet in 41 Zeilen die Notwendigkeit einer Beitragsleistung mit den gewaltigen Rüstungen des trükischen Kaisers; man müsse alle Kräfte anspannen, um die gemeinsame Christenheit, "sonnderlich die Teutsche Nation" vor Nachteilen zu bewahren. An achtzehn im Text des Formulars freigelassenen Stellen ist Raum vorhanden zum Eintrg der jeweils passenden Anrede und des Umfanges der in jedem einzelnen Fall geforderten Leistung.

Tatsächlich kam es zum Krieg. Der k.k. Feldhauptmann Ludwig Graf LODRON [2] führte dem kaiserlichen Heere drei Fähnlein mit tirolischem Kriegsvolk zu. Er stand gemeinsam mit einem Kärntner Aufgebot im Herbst 1537 in Slowenien unter dem Oberbefehl des Kärntners Hans KATZIANER. Der erwartete Nachschub war ausgeblieben. Sie litten Mangel!

Im Oktober jenes Jahres sahen sie sich in der Nähe von Esseg plötzlich vielfach überlegenen feindlichen Kräften gegenüber! Die Lage war hoffnungslos. Angesichts des sonst sicheren Todes entfloh der pflichtvergessene Feldherr mit dem Großteil aller Berittenen. Graf Lodron aber harrte aus und übernahm den Oberbefehl über das zurückgebliebene Fußvolk. Er suchte durch eine Ansprache beruhigend zu wirken. Doch einer der Männer rief ihm zu: "Du hast leicht reden! Du hast ja sechs Füße!" - er meinte ihn und sein Pferd, mit dem er immer noch davonreiten konnte. Daraufhin durchschlug der Graf seinem Pferd die Füße mit den Worten: "JETZT HABE ICH NICHTS MEHR VORAUS! JETZT SIND WIR EINANDER GLEICH!" Und Ludwig Graf Lodron kämpfte zu Fuß bis er schwer getroffen sterbend zu Boden stürtzte, und mit dem Rest seiner Truppe in die Hände der Türken fiel.

Obwohl die Landeskinder in erster Linie zur Verteidigung der eigenen Heimat herangezogen wurden, leisteten Tiroler an allen Fronten dem Kaiser wie dem bedrohten Christentum treue Dienste. Berühmte Feldhauptleute waren in der Maximilianszeit die beiden Leonhard von VÖLS, Vater und Sohn. Tirolischer Abstammung waren die berühmten Landsknechtführer Georg und Kaspar von FREUNDSBERG. Großes Ansehen errang sich der tapfere Michael von WOLKENSTEIN (gestorben 1523). Er hatte anno 1488 den zu Brügge von Aufständischen gefangen gehaltenen König Maximilian befreit.

Ein berühmter Kriegsheld war der "Brandisser", Sigmund von BRANDIS, der im Jahr 1529 zu den Verteidigern Wiens gehörte und im Jahr 1532 ein Regiment gegen die Türken anführte und ihnen blutige Niederlagen beigebracht hat [2a]. Andreas von Brandis kämpfte (1525), er zeichnete sich im Schmalkalidischen Krieg (1546-1547) und besonders beim Zurückerobern der tirolischen Grenzfeste Ehrenberg rühmlich aus und half später als Oberst des deutschen Kriegsvolkes, die Grenzen Siebenbürgens gegen den Halbmond zu verteidigen.

Ähnlich bewegt verlief auch das Leben des Eitlhans von STACHELBURG (1584-1655). In noch erhaltenen Briefen berichtet er, er habe sein Studium in Pisa durch "einen kleinen Kreuzzug gegen die Ungläubigen" unterbrochen, nur "um der Ehre willen". Er schloß sich einer nach Algier zum Kampf gegen die Seeräuberstaaten Nordafrikas abgehenden Heeresgruppe an. Er nahm Anteil an einem harten Kampf, in dem die Stadt Bone eingenommen wurde. Dabei traf ihn ein Schuß in der Herzgegend. Nur der schwere Brustharnisch, dem ein tiefes Mal eingedrückt wurde, rettete ihn vor dem Tode. Im Dreißigjährigen Krieg brachte er es zum Kriegsrat und Obrist-Feldzeugmeister in Tirol unter den Erzherzogen Leopold und Ferdinand Karl [3].

Die mittlerweile zu Grafen erhobenen Stachelburger stellten auch in späteren Kriegen ihren Mann. Im Jahre des "bayrischen Rummels", 1703, schrieb Feldzeugmeister Graf HEISTER dem Karl Josef Anton und dem Philipp Jakob Grafen STACHELBURG das Zeugnis, daß sie "als Ihro Kaiserlichen Majestät getreue Vasallen die Waffen ergriffen und mit Tapferkeit auf dem Brenner die Bayern abzutreiben geholfen, auch bei den welschen Confinen sich gegen die Franzosen als Volontairs auf Posten gestellt und in allen Vorfallenheiten mit Wachten und Scharmuzieren dem Feind möglichsten Abbruch zuzufügen gesucht haben". [4]

Bei jenem bayrisch-französischen Einfall im Jahre 1703 zog Franz Adam Graf BRANDIS an der Spitze einer Meraner Schützenkompanie zum Brenner. Als dort der bayrische Kurfürst Max Emanuel zurückgeworfen war, wandte er sich nach Süden gegen die Franzosen. Er nahm teil an den Kämpfen bei Trient bis auch Marschall Vendomme zum Verlassen des Landes gezwungen war [4a].

Zu den erfolgreichsten Führern der Volkserhebung in Nordtirol gehörte der Pfleger zu Laudeck bei Ladis im obersten Inntal Martin von STERZINGER zu Sigmundsried und zum Thurn in der Breiten (1664-1721); er vernichtete die vordringenden Bayern und Franzosen am 1. Juli bei Pontlatz, während in Südtirol Josef Anton von CAZAN zu Griesfeld am 27. Juni die am Brenner stehenden Franzosen vertrieb, dann die Bozner Stadt- und Landmiliz organisierte und am 27. August die Feinde beim Dorfe Ranzo durch einen kühnen Nachtangriff so gründlich überrumpelte, daß sie in der Folge zur Preisgabe von Trient gezwungen waren. Ende September stand kein Feind mehr auf Tiroler Boden [5].

Josef Anton von Cazan verfaßte auch eine Denkschrift: "Patriotische Gedanken wie die Grafschaft Tirol durch dero eigene Landsassen sich gegen ihre Feinde erhalten möge", Birxen 1734. Sie zeugt von seltenem Freimut und staunenswerter Sachkenntnis. Ganz modern mutet der Vorschlag an, statt der bunten Trachten, die sich im Kriege nicht bewähren, einheitliche Felduniformen einzuführen!

Die Familiengeschichte der Freiherrn von KRIPP [6] gibt Einblick über die Kriegsteilnehmer und Kriegsopfer aus einem einzigen Tiroler Geschlecht: Ein Clemens KRIPP nahm im Jahre 1423 Anteil an der Belagerung der Brug Starkenberg bei Imst. Die Frau eines Kripp geriet 1431 beim Fall der Veste Fürstenberg in gegnerische Gefangenschaft. Ein zweiter Clemens KRIPP fiel 1508 in Pieve di Cadore im Kampf mit den Venezianern, ein Sohn des Wolfgang KRIPP um 1570 im Türkenkrieg. Ein bunt bewegtes Landsknechtleben führte Hans Wolf von KRIPP zu Freudeneck, geboren 1523, gestorben nach 1583. Zuerst schloß er sich dem in Frankreich kämpfenden Regiment des Grafen Johann von LODRON an. Nach dessen Auflösung zog er nach Konstantinopel. Dann nahm er Anteil am Schmalkaldner Krieg in Mitteldeutschland. Später beteiligte er sich an Feldzügen in Italien und anderen Ländern; er stand in savoyischen, englischen und spanischen Diensten, er kämpfte in Tunis, er stand in Malta in den Reihen der Ritter des Johanniterordens, er war auch dabei in der berühmten Seeschlacht von Lepanto, dem glänzenden Seesieg über die Kräfte des Halbmondes im Jahre 1571.

Auch Christoph von KRIPP (1547-1603) kämpfte in der siegreichen "großen Armada", dann 1573 unter Graf Albrecht von LODRON in Tunis, 1575 bei Genua, dann bis 1581 in Portugal, anschließend daran in den Niederlanden. Ferdinand Franz von KRIPP zu Prunberg (1661-1686) zeichnete sich aus bei der Verteidigung von Wien im Jahre 1683. Er fiel am 2. September 1686 bei der Erstürmung von Ofen. Franz Anton von KRIPP (1759-1811) kämpfte als Berufsoffizier gegen die Türken und gegen Napoleon, bis er schwer leidend gezwungen war, im Jahre 1801 in den Ruhestand zu treten. Michael von KRIPP (1790-1852) war als junger Bursch Teilnehmer am Tiroler Freiheitskampf von 1809, seine Söhne Johann Nepomuk (1821-1882) und Anton (1823-1900) standen im Jahre 1848 mit den Tiroler Schützen an der bedrohten Südgrenze des Landes.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Paul Freiherr von KRIPP, geb. 1893, im 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger an der russischen Front bis zu seiner schweren Verwundung beim Durchbruch von Gorlice im Mai 1915, während sein jüngerer Bruder Joseph, der spätere Botschafter beim Vatikan, an der italienischen Front stand bis zu seiner Gefangennahme am vielumstrittenen Pasubio.

Der Tiroler Adel hat in allen Kriegen schwere Opfer gebracht [7]. Das Aussterben so vieler Adelsfamilien geht teils auf die zahlreichen Eintritte in den geistlichen Stand, teils auf Kriegsverluste zurück. Das Wort: "GUT UND BLUT FÜR UNSEREN KAISER, GUT UND BLUT FÜRS VATERLAND!" war ihm keine unverbindliche Redensart!

Als Kaiser FRANZ II. am 10. Oktober 1805 wegen der drohenden Feindgefahr eine neue Landsturmordnung für Tirol erließ [8], setzte er voraus, "daß unsere Geistlichkeit durch Ermahnung, unser Adel durch Eifer und ritterliches Beispiel, unsere sämtlichen Obrigkeiten durch Tätigkeit, und unser gesamtes Tyrolervolk durch Bereitwilligkeit diese unsere väterliche Ansicht unterstützen werden".

Das kaiserliche Vertrauen auf den Eifer und das ritterliche Beispiel des Adels wurde nicht enttäuscht. Im wiederholt zitierten "Tiroler Ehrenkranz" sind aus der Zeit der Napoleonischen Kriege nur zwei Landesverteidiger aus den Reihen des heimischen Adels gewürdigt: Philipp von WÖRNDLE (1755-1818), der siegreiche Schützenkommandant im Jahre 1797, und der Theresienritter Philip von FENNER (1559-1824), der bewährte General und Gründer des Regiments der Tiroler Kaiserjäger [9]. Zahlreiche andere Namen wären noch zu nennen gewesen, so der tapfere Oberst Karl Baron CALL zu Rosenburg aus Eppan (1777-1848), der sich gleich dem Oberleutnant Eduard Freiherr von STERNBACH in der Schlacht bei Leipzig den Maria-Theresien-Orden holte [10]. Der auf hundert Personen aus allen Bereichen des Lebens festgesetzte Rahmen des Buches setzte dem Herausgeber leider zu enge Grenzen. Viele verdiente Männer blieben daher unberücksichtigt; ich weise darauf hin, daß der oberen Kapelle des Sandhofs im Passeyr die Wappen von 80 adeligen Tirolern an deren Einsatz im Kampf von 1809 erinnern, darunter 36 als Schützenhauptleute!

Über den Anteil des Tiroler Adels an der Erhebung im Jahre 1809 schrieb Hans Graf TRAPP im Jahrburch der Veinigung katholischer Edelleute in Österreich, Wien 1929. Nach ihm berichtete Rudolf von GRANICHSTAEDTEN in seinem Buch "Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932", über Leistungen und Schicksale adeliger Kriegsteilnehmer. Genauer zergliederte Franz HUTER den Anteil des Adels an der Volkserhebung [11]. Er weist darauf hin, daß sich in der auf etwa 620.000 Personen geschätzten Bevölkerung Deutschtirols etwa 4.000 Priester, ungefähr zwei Drittel eines Prozents, und 3.100 adelige Personen, ungefähr ein halbes Prozent der Bevölkerungszahl befunden haben. Aber die Zahl der unabhängigen wohlhabenden Grundbesitzer war nicht groß und die vielen bis zum bescheidenen Kanzlisten im Staatsdienst stehenden Mitglieder des niederen Adels hatten aus Sorge um ihre Existenz gebundene Hände. So gab es manche offene Stellungnahme für die bayrische Regierung; diejenigen, die sich trotzdem dem österreichischen Intendanten Josef von HORMAYR und dem Bauernregiment Andreas HOFER's zur Verfügung stellten und ihre Bindung an das Haus Österreich offen bekannten, brauchten daher besonders Mut!

Besonder hervorgetan haben sich unter anderen die Grafen Josef MOHR und Josef HENDL im Gefecht, im Hintergrund die Grafen Ignaz TANNENBERG (der "blinde Tannenberg", den die Bayern trotzdem als gefährlichen Gegner außer Landes verschleppten), Alois SARNTHEIN, der in bayrischer Haft starb, die Freiherrn Johann Nepomuk von SCHNEEBURG, sowie Vater und Sohn Josef GIOVANELLI. Beide, der Ältere wie der Jüngere, bürgten in der Kriegszeit 1795-1801 und 1809 mit ihrem ganzen Privatvermögen für die Kosten des Aufgebots [12]. Der Landrichter von Steinach, Johann Anton von SCHULLERN zu Schrattenhofen (1762-1815), ergriff 1809 öffentlich Partei für Österreich und wurde infolge dessen vom königlich bayrischen Militär im Landgerichtsgebäude zu Sterzing schwer mißhandelt, so dass er nie wieder die volle Gesundheit erlangen konnte, ausgeraubt und geplündert. Gleichfalls brachte die feurige Patriotin Therese Baronin STERNBACH, geb. OBERHOLZER (1775-1829) schwere finanzielle und noch empfindlichere Opfer; sie mußte es mit monatelanger schwerer Haft und Todesdrohungen büßen, als in ihrem Schloß zu Mühlau ein geheimes Waffenlager entdeckt wurde [13]. Auch Professor HUTER gedenkt dieser tapferen Frau. Er setzt mit Recht hinzu: "Im übrigen ist die Tatsache, daß gerade Angehörige des Adels zum abschrekenden Beispiel gemaßregelt wurde, ein Ruhmeszeugnis für den ersten weltlichen Stand Tirols". [14]

Am 25. Mai 1809 fiel im Gelände westlich von Bergisel Johann Graf STACHELBURG, geboren 1778, der letzte seines Stammes [15]. Freiwillig war er mit der Meraner Schützenkompanie als Gemeiner in Feld gezogen, aber - so heißt es im amtlichen Bericht über seinen Tod: "von der gesamten Mannschaft wegen seines erprobten Mutes und seiner Geschicklichkeit einstimmig zum Oberleutnant gewählt, war er in Abwesenheit des Hauptmanns ersucht worden, die Kompanie zu kommandieren." Er habe sie mit Entschlossenheit gegen den Feind geführt. Nach längerem Kampf habe er, durch eine feindliche Kartätschenkugel getroffen, sein kostbares Leben dem Wohle des Vaterlandes und für seinen geliebten Kaiser rühmlichst aufgeopfert.

Professor HUTER schreibt am Ende seines Rückblicks die zutreffenden Worte [16]:

Trotz der Zurückhaltung des Großteils der adeligen Familien wird man im Hinblick auf die vielen adeligen Namen, die aus dem großen Geschehen des Jahres 1809 hervorleuchten, den Anteil des Adels nicht unterschätzen dürfen. Gewiß, die Erhebung war eine bäuerliche und Heldentum und Opfer fallen in erdrückendem Maße dem Tiroler Bauernvolk zu. Aber ein Teil des Adels schloß sich der bäuerlichen Bewegung an und einzelne vom Adel haben wie die Bauern, Freiheit und Gut auf dem Altar Tirols und Österreichs, ja, wenn man das Jahr 1809 als Vorbereitung zum europäischen Freiheitskampf von 1813/15 betrachtet, auch Europas zum Opfer gebracht.

Auch in den Feldzügen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wetteiferten Volk und Adel miteinander an Opfermut. Im Jahre 1848 zog Johann von MÖRL [17] mit der von ihm auf eigene Kosten ausgerüsteten Sonnenburger Schützenkompanie an die italienische Front. Das sei nur ein einziges Beispiel aus vielen!

Auch dem Kriegsjahr 1859 sei nur der starken Teilnahme junger Adeliger an der Landesverteidigung gedacht. Hanns von INAMA veröffentlichte in der "Tiroler Heimat" [18] die "Standliste der freiwilligen Studenten-Standschützen-Companie" unter Hauptmann Lorenz HUPFAUF. Unter den 198 Mann finden wir die Namen Anton von BAUMGARTEN, Ludwig von BARTH, Ernst von RICCABONA, Fritz von EBNER, Benedikt und Hugo Graf ENZENBERG, Karl von GRAVENEGG, Albert von HÖRMANN, Benedikt von KLEBELSBERG, Paul von MAYRL, Josef Baron ODELGA, Johann von RATZ, Karl von RÖGGLA, Heinrich von SOELL, Anton Baron SPIEGELFELD, Leopold Graf SAURMA (ein Norddeutscher), Karl von SCHINDLER, Anton von SCHULLERN, Josef von TRENTINAGLIA, Johann von WALLENHOFF (aus dem Küstenland), Anton von WILLBURGER, Ferdinand von WOCHER, Josef von WÖRTZ, Eduard von AN DER LAN, Gustav von ADAM, Franz von ERLACH. Feldkurat war der mit Begeisterung österreichisch gesinnte Jesuitenpater Max von KLINKOWSTRÖM, geboren 1819 in Wien als Sohn eines teilweise zum katholischen Glauben übergetretenen pommerischen Gutsherrngeschlechtes, gestorben 1896 in Kalksburg. Ebensowenig wie dieser freiwillig mitziehende Feldkaplan waren die Teilnehmer sämtlich Landeskinder, doch alle einte die Liebe zu Tirol und seinem Landesherrn.

Die am 21. Juni 1859 ausgerückte Kompanie kam wegen des raschen Waffenstillstandes und Friedensschlusses nicht mehr ins Gefecht; sie rückte nach manchen überstandenen Witterungsunbilden am 26. Juli wieder in Innsbruck ein. Anton von SCHULLERN der selbst in der Funktion eines Leutnant dabei gewesen war, schrieb folgendes Gedicht: "An die heimkehrende akademische Legion" [19].

... Des Siegeslorbeeres üppig Grün
Versagte Euch das Glück,
Dafür kehrt alle - welch Gewinn!
Gesund Ihr heut zurück ...

... Daß Großes, Edles, Ihr gewollt,
Voll Dank die Heimat spricht,
Sie weiß: Gold bleibt doch immer Gold,
Kommts auch ins Feuer nicht!

Innsbruck, am 26. Juli 1859. Sch(ullern).

Von Ruhmestaten in Kriegen, von Entbehrungen und Leiden in Feldzügen ist allerdings viel öfters zu lesen, als von den stillen Opfern, die manchen Heeresangehörigen in Friedenszeiten auferlegt waren.

Der Adel stellte die meisten aktiven Offiziere für das k.u.k. Heer und die k.u.k. Kriegsmarine. Man widmete dem Vaterlande aus Familienüberlieferung seine Kräfte und erhielt dafür eine lächerlich geringe Besoldung. Der Offizier sollte standesgemäß auftreten, immer in tadelloser Uniform erscheinen, nur in besten Gaststätten verkehren, sich Damen gegenüber mit teuren Bouquets als Kavalier zeigen und auch die kleinsten Dienste untergeordneter Personen mit reichen Trinkgeldern belohnen, auch wenn er es sich vom Mund absparen mußte - bei einem winzigen Gehalt, man sagte "Gage"!

Man nannte den Offiziersberuf mit Recht "das glänzende Elend". Ich kann dieses Elend beleuchten! Der anschließende Auszug eines in meiner Hand befindlichen Briefes zeigt, wie es in der Kasse eines jungen Offiziers ausgesehen hat. Der nach dem Ende des ungarischen Feldzugs in die Hauptstadt Galiziens verlegte Ulanenleutnant Eduard von INGRAM aus Innsbruck (1829-1903) schreibt an seine Schwester Marie (später verehelichte von FINETTI, meine Großmutter) [20].

Lemberg, den 21 October 1849.

Theuerste Schwester!

Nie fühlte ich mehr Liebe zu meinen Geschwistern wie jetzt. Als ich in Ungarn dem größten Kanonendonner ausgesetzt war und glühende Kugeln die Seelen meiner Nebenleuthe zur Rechten und Linken in die Ewigkeit hinüberschafften, bethete ich: Allmächtiger laß mich noch erleben von meinen Geschwister und Eltern auf dieser Erde Addieu zu sagen, dann will ich gerne sterben! ... Das gräßliche Gefühl Euch nicht wieder zu sehen, ergiff mich während der großen Schlacht bei Comorn, Szegedin ... Eben deswegen möchte ich Euch heimsuchen, aber leider von hier aus ist es nicht möglich, 1tens wegen der schlechten Jahreszeit, 2tens wegen der großen Strecke, 3tens wegen des allzugroßen Mangels an Geld! ... Mir geht es außer meiner Gesundheit recht schlecht. Pohlen (!) ist ein misserables Nest. Ich mußte mir alles kaufen, Strohsack, Polster, Leintücher. Auch wenn man bei einem Grafen oder Fürsten Quartier beziehen will, bekommt man bloß die 4 kahlen Wände. Erfährt der Jude, daß man Quartier sucht, so biethet er sich an, die Möbel hineinzustellen. So zahlt man für eine ganz leere Bettstatt, 2 lumpige Sessel, einen krummen Tisch, einen zerschlagenen Spiegel und zerbrochenen Kasten fürs Monat 6 Gulden. Man muß ihm diesen Betrag vorhinein zahlen ... Ich habe 2 Zimmer gemiethet ganz neben der Caserne, eines für mich, das andere für meine 2 Burschen und zahle 8 Gulden, ... Dann ist in dieser edlen Stadt eine außerodentlich schlechte Kost und zahle auch 10 Gulden. Dann das Monatsgeld für meine Reitknechte, 10 Gulden. Jetzt hab erst ich noch nichts! Daher von 32 Gulden Gage, die ich bekomme, muß ich noch ganze 6 Gulden aufzahlen. Ich habe noch keine Montour, kein Theater, keine andere Unterhaltung, kurzum gar nichts! ...

Er schildert weiter seine Verlegenheit, weil der von daheim erwartete Zuschuß wegen seines wechselnden Aufenthaltes oder aus anderen Gründen seit zwei Monaten ausgeblieben war, und bittet seine Schwester um Vermittlung. Er wußte warum! Denn sein Vater, der Kaiserjägerhauptmann, war nicht gut auf ihn zu sprechen; er hätte ihn lieber in der eigenen Truppe gesehen als bei der Kavallerie! Dafür war die Schwester Marie, meine Großmutter, jederzeit bereit, ihm außertourlich zu helfen. Sie erzählte mir in meiner Kindheit öfters, wie viel sie sich manchesmal versagen mußte, um den Bruder zu unterstützen, wenn er um Aushilfe bat, zum Beispiel, wenn er zum Kauf eines neuen Reitpferdes größere Beträge benötigte.

Im Krieg von 1866 zeichnete sich Eduard von INGRAM rühmlich aus. Später trat er als Major in den Ruhestand. Im gleichen Feldzug verlor er seinen Schwager, den Gemahl seiner Schwester Anna, den k.u.k. Hauptmann Rudolf von UNKELHÄUSER zu Abenst. Dieser erlag am 14. Juli 1866 im Feldspital zu Horenovec den bei Königgrätz erlittenen Wunden.

Rudolf von Unkelhäuser entstammte einer Kärntner Offiziersfamilie. Sein Vater, der Oberstleutnant Johann von UNKELHÄUSER, war ein alter Freund und Kriegskamerad des Landesverteidigungskommandanten von Tirol, Feldmarschalleutnant Heinrich Freiherrn von ROSSBACH (1790-1867) [21]. Rudolfs Vater hatte seinerzeit dem um Kaiser und Reich hochverdienten General mitgeteilt, daß der Sohn in den Militärdienst getreten sei und ihn seinem Schutz empfohlen. Ich setze die Antwort des "Vaters Roßbach" herein. Sie ist ein Denkmal ritterlicher Gesinnung und umreißt in wenigen Worten die ideale Seite des Offiziersberufes [22]:

... Der erste Schritt des zukünftigen Geschickes Deines ältesten Sohnes ist nun entschieden. Es wird seine Sache sein, daß er zu seinem Frommen und dadurch zu Deiner Ruhe und Befriedigung ausfällt. MORALITÄT, DIENSTEIFER und, wenn es gilt, die TAPFERKEIT seines Vaters, sind die Mittel dazu. Der feste Vorsatz, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, darf ihn nie verlassen.

Er und ich haben unsere Laufbahn zugleich begonnen und sind ohne Protektion ehrenhaft auf derselben fortgewandelt und haben Anerkennung gefunden, und wenn Rudolf so wandelt, wird er seinerzeit die nächste Anerkennung bei mir finden. Hat er diese einmal errungen, so wird ihm Gott und sein bis dahin geläutertes Ehrgefühl weiterhelfen, wenn auch ich nicht mehr bin. Das will ich bedeutungsvoll als sein Freund zu ihm gesprochen haben. DENN NUR IN ERFÜLLUNG DIESER LEHREN KANN UND WERDE ICH IHM NÜTZLICH SEIN. Stets entschlossen nach diesen Grundsätzen meine Rechte zu handhaben, so geneigt ich zeitlebens war, meinen Untergebenen Gutes zu tun und zu helfen, so UNERBITTERLICH war ich stehts gegen Unwürdige. So werde ich es auch in den letzten Monaten meiner militärischen Dienstzeit halten: stets GERECHT zu bleiben.

Roßbach, FML

Geschrieben zu Bregenz, 15. Juli 1850

Der junge Offizier, dem jene Ermahnungen galten, hatte sich treu daran gehalten. Er war allseits geschätzt und beliebt; sein Heldentod erweckte allgemeines Beileid. Zur Erinnerung an Rudolf von Unkelhäuser wurden am Amraser Tummelplatz vom Kriegsschauplatz übersandte blutbespritzte Uniformstücke beigesetzt. Der greise General ließ dem Dahingeschiedenen den dort heute noch stehenden Denkstein setzen: eine marmorne Urne mit der Jahreszahl 1866.

Ich wende mich wieder den materiellen Sorgen der österreichischen Offiziere zu.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Fähnirch 75 Kronen im Monat, der Leutnant 100 und der Oberleutnant 140 Kronen monatlich. Das "glänzende Elend" bestand noch immer!

Wer eigenes Vermögen hatte oder von daheim eine regelmäßige Zulage bekam, konnte sich ohne finanzielle Sorgen dem Offiziersberuf widmen. Söhne von wohlhabenden Großgrundbesitzern dienten mit eigenen Reitpferden bei der Kavallerie, mittelmäßig Begüterte bei der Fußtruppe. Mittellose, dazu zählten zahlreiche Adelige, die seit der Grundentlastung oder dem Bankkrach von 1873 verarmt waren, konnten sich kaum halten. Sie mußten sich in Bergfestugen an der Reichsgrenze oder in abgelegene galizische Garnisonen versetzen lassen, um vor allzugroßen Geldausgaben eher bewahrt zu sein. In der Einsamkeit aber bestand die Gefahr zu versumpfen!

Wollte ein Offizier heiraten, mußte eine Kaution in mündelsicheren Papieren hinterlegt werden, um durch die Zinsen ein standesgemäßes Leben zu sichern. Sie betrug im Durchschnitt 20.000 Kronen. Manches Ehevorhaben scheiterte, wenn jene Bedingung nicht erfüllt werden konnte [23]. Die Annahme zweitrangiger Kanzleidienste bei einem k.k. Ergänzungsbezirkskommando wäre der einzige Ausweg gewesen, aber ein Schreiberberuf war nicht nach jedermanns Geschmack. Doch wehe dem Offizier, der in Schulden verstrickt war: Höchstens eine Geldheirat, bei der das Herz nicht mitsprach, konnte ihn retten! Eine disziplinäre Entlassung aus dem Offziersstand brachte gesellschaftliche Ächtung mit sich; der "quittierte" Offizier durfte sich nirgends mehr sehen lassen und war zum Auswandern gezwungen.

Knapp vor dem Ersten Weltkrieg wurde öfters über die notwendigkeit Erhöhung der Offiziersgage gesprochen. Gerade aus jenen Kreisen, denen man helften wollte, ist mir eine bezeichnende Äußerung im Gedächtnis geblieben. Ein Adeliger nannte den Grund, warum er eine höhere Besoldung ablehne, denn "WIR OFFIZIERE SIND KEINE ERWERBSGENOSSENSCHAFT!".

Diese Gesinnung sprach seinerzeit aus der Landtagesrede des Freiherrn Ignaz von GIOVANELLI über die mit dem Ausüben des Landtagsmandates verbundenen Kosten! Genauso ist ausgedrückt: Wir leiten Ehrendienste, die von uns Opfer verlangen. Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, daß wir uns weigern, jene Opfer auch weiterhin zu bringen!
Solcher Geist lebte im altösterreichischen Offizierskorps, ein Rittertum, würdig ehrenvoller Vorbilder aus versunkener Zeit!
Ich griff auf solche Erinnerungen zurück, um darauf hinzuweisen, wie sehr eine hingebende Vaterlandsliebe auch in unserem Jahrhundert lebendig war und besonders im Adel gepflegt wurde. In gleicher Linie liegt es, daß im Ersten Weltkrieg das Aufgebot der Standschützen von den "Herrn und Landmännern in Tirol" Landesoberschützenmeister Gotthard Freiherrn von AN DER LAN (1872-1934), in jener Würde Nachfolger seines Vater, Sektionschef Eduard von AN DER LAN (1839-1912), Oberleutnant Arthur Grafen WOLKENSTEIN und Anton von MÖRL als Adjutanten vorbereitet wurden [24]. Ohne deren Volksverbundenheit und Überzeugungskraft wäre das Werk gewiß nicht gelungen!

Zur Zeit der italienischen Kriegserklärung im Mai 1915 standen die aktiven Regimenter des österreichischen Heeres im Kampf an der russischen Front, doch 40.000 Standschützen, die sonst teils wegen zu geringen, teils zu hohen Alters militärfrei geblieben wären, besetzten sogleich die bedrohten Landesgrenzen und hielten den ersten Ansturm des Feindes auf. Auch der Adel brachte schwere Blutopfer bei der Verteidigung Tirols.



 
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