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Der Adel im Leben Tirols
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Monday, 12 March 2007
Article Index
Der Adel im Leben Tirols
Grundherr u. Bauer
Adelsbesitz Gestern u. Heute
Adelsherrn als Kulturträger
Adel u. Kunst
Adelige im priesterlichen Beruf
Soziales Wirken des Adels
Adelige als Dienstherrn
Großgrundbesitzer als Volksvertreter
Waffendienst fürs Vaterland
Schlusswort

7. Soziales Wirken des Adels

Die Bewirtschaftung eines Gutes steht im Blickpunkt der Allgemeinheit: jedermann kann beobachten und vergleichen. Zu Zeiten, in denen es weder landwirtschaftliche Schulen noch Genossenschaften gab, blickte man auf das Beispiel des Großgrundbesitzers. Er hatte am ehesten Gelegenheit, sich durch höhere Studien ein größeres Wissen anzueignen, er konnte sich auf Reisen mit Erfahrungen in anderen Ländern vertraut machen und hatte wohl auch die Mittel zum Kauf von verbessertem Saatgut, von Zuchtvieh und von Maschinen, er konnte Bodenverbesserungen durchführen und kannte sich auch mit dem Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse besser aus als der Kleinbauer.

Aus gleichen Erkenntnissen sagt der alte RIEHL, zu dessen Zeit das vorhin Geschilderte noch zutraf: (S. 185) "DURCH DEN GRUNDBESITZ IST DER ADEL DER NATÜRLICHE SCHIRMHERR DES BAUERN." Durch seine Landwirtschaft im Großen soll der Adelige darauf bedacht sein, die umwohnenden Bauern aus ihrer technischen Ungeschicklichkeit herauszuziehen. Der Landadel soll den Bauern zeigen, was die Macht der Intelligenz im Ackerbau auf sich hat, er soll auch für sie experimentieren mit technischen Verbesserungen".

Wir werfen einen Blick in die Wirtschaftsgeschichte Alttirols, um zu sehen, wie sehr der heimische Adel jener sozialen Aufgabe nachgekommen ist! In das Mittelalter führt die Wappenlegende der Herren von FIEGER; ihr Geschlecht war eines der reichsten im mittleren Inntal. Sie führten ein Kleeblatt im Wappenschild; sie seien die ersten gewesen, die mit dem Anbau von Luzerner Klee auf den Schuttkegeln am Eingang des Halltals begannen [1]. Ihr Erfolg habe bahnbrechend gewirkt und den landwirtschaftlichen Ertrag weitum gesteigert. Ein Seitenstück aus neuerer Zeit sei eingeschaltet: als im Hungerjahr 1816 keine Getreideart gedeihen wollte, gab die als feurige Patriotin bekannte Baronin Therese STERNBACH in Mühlau durch Anbau von Kartoffeln und Erbsen auf ihren Gütern das Beispiel, wie man trotzdem reiche Ernten erzielen konnte [2].

Beispielgebenden Einfluß hatte unter anderem auch das Adelige Damenstift in Hall durch die gute Bewirtschaftung seiner Güter. Auf der in den Jahren 1577 und 1583 angekauften Stiftsalpe im Voldertal wurde sogar importiertes Schweizer Zuchtvieh aufgetrieben und von Schweizer Sennern betreut [3].

So wie seinerzeit die Klöster als Lehrer und Berater des einfachen Volkes verdienstvoll gewirkt hatten, waren sich adelige Grundherrn ihres Einflusses auf die Hebung der Volkswirtschaft bewußt. Adelige waren Begründer einer Vereinigung, deren Wirken für Tirol segensreich war. DE LUCA's Journal der Literatur und Statistik [4] berichtet: "Im Jahre 1767 ward die k.k. Patriotische Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste errichtet. Das Protektorat darüber führt ein zeitlicher Regierungspräsident, das Direktorat bekleidet Herr Leopold Graf von KINIGL, die Würde eines Kanzlers hat Herr Anton von EGGER auf sich und beständiger Sekretär ist der Landschaftssyndikus Herr von STROBL...".

Der Innsbrucker Universitätsprofessor Johann Baptist von ZALLINGER zum Thurn ist in de Lucas Joumal auf S. 57 als Mitglied jener Gesellschaft genannt. Er veröffentlichte unter anderem eine "Abhandlung von den schleunigsten und zuverlässigsten Hilfsmitteln den Ackerbau im Lande Tirol zu verbessern und zu vermehren, wie auch den anscheinenden Holzmangel durch Beförderung des Nachwuchses werkthätig zu steuern", Innsbruck 1769, dann ein in lateinischer Sprache verfaßtes Buch "De morbis plantarum cognoscendis et curandis", Innsbruck 1773. Eine deutsche Übersetzung jener Schrift über das Erkennen und Heilen von Pflanzenkrankheiten ließ ein Domherr zu Passau, Johann Graf AUERSBERG, im Jahre 1779 in Augsburg hinausgehen.

Um die Einführung einer Feuerversicherung bemühten sich schon die Hofkammerpräsidenten Josef Graf TRAPP und Ignaz Graf ENZENBERG in den Jahren 1752 und 1763, also zu Zeiten Maria Theresias. Sie drangen vorläufig nicht durch. Erst mit 1. Februar 1825 trat jenes gemeinnützige Institut durch die Bemühungen des Freiherrn Josef von GIOVANELLI (1784-1845) und gefördert vom Landesgouverneur Karl Graf CHOTEK ins Leben [5]. Der hier wiederholt schon genannte Josef Freiherr von Giovanelli bemühte sich auch sehr um das Beleben der Bozner Märkte, ebenso um Studienanstalten; er war auch ehrenamtlicher Vizedirektor des Bozner Gymnasiums und um die Blindenfürsorge verdient [6].

Sogar kostbare Leben forderte die Fürsorge für das Gemeinwohl! Als Etsch und Eisack im Überschwemmungsjahre 1882 das fruchtbare Bozner Talbecken in einen See verwandelte, der es monatelang erfüllte, war Heinrich Baron GIOVANELLI (geb. 1830) Obmann der sogenannten "Leegen", das sind die Genossenschaften, die seit alters die Bewässerung und das Entwässern der Kulturgründe regeln. Mit seinem zwanzigjährigen Sohne Heinrich verbrachte er Tage um Tage im versumpften Gelände, um die Arbeiten zum Eindämmen der Fluten zu beaufsichtigen. Beide zogen sich dabei den Keim zu einer tödlichen Krankheit zu, der man damals noch nicht beikommen konnte, nämlich der Malaria. Nach monatelangem qualvollen Siechtum erlag der Vater am 27. Juli 1883, der hoffnungsvolle Sohn am 4. September 1883 jenem Leiden [7].

Vielseitige Tätigkeit im Dienste der Mitmenschen pflegte in jüngerer Zeit auch Freiherr von EYRL zu Waldgries und Liebeneich (1849-1942). Als Gründer und Vorstand des Bozner Museumsvereins, Präsident der Sparkasse und Obmann landwirtschaftlicher Genossenschaften war er durch viele Jahrzehnte Pionier im Südtiroler Kultur- und Wirtschaftsbereich. Seine beiden Söhne folgten treulich in die Fußstapfen des Vaters. Dr. Diego Freiherr von EYRL (1889-1958) wirkte, in der österreichischen Verwaltungskunst erfahren, als praktischer Helfer in vielen Wirtschaftsbelangen und als Vorsitzender des Verbandes der Südtiroler Gemeinden, der noch in eifrigem Wirken stehende Bruder Egon Freiherr von Eyrl (geb. 1892) betätigt sich auf schöngeistigem Gebiete und dem weiten Felde der Caritas.

Mehr als ein Zufall ist es, daß genau zur selben Zeit, in der Diego Baron Eyrl dem Südtiroler Gemeindeverband vorstand, der Stadtamtsdirektor von Hall, Ernst Freiherr von VERDROSS (gest. 1963) Obmann des österreichischen Städteverbandes war.

Häufig trugen Adelige die oft dornige Würde eines Bürgermeisters, zu der sie das Vertrauen des Volkes berief. Gerade in Südtirols bittersten Jahren dieses Jahrhunderts waren es Dr. Georg Freiherr DI PAULI (1880-1966) in Kaltern und Anton Freiherr von LONGO (1853-1925) in Neumarkt an der Etsch.

Die beiden Landeskulturratspräsidenten Dr. Julius Freiherr von RICCABONA (1835-1924) und Alphons Freiherr von WIDMANN zu Staffelfeld (1850-1921) übten ihr arbeitsreiches Amt nur um Gotteslohn und zum Gedeihen der Tiroler Landwirtschaft aus. Baron Riccabona führte die segensvolle Einrichtung der Raiffeisenkassen in Tirol ein; sie läßt sich in ihrer heutigen Blüte gar nicht mehr wegdenken aus dem tirolischen Wirtschaftsleben. Es spricht für sich, daß ihn über 100 Landgemeinden in Nord- und Südtirol zu ihrem Ehrenbürger erhoben.

Aus unseren Tagen sei auf die Verdienste des Freiherrn Oskar von HOHENBRUCK um den Tiroler Bauernbund hingewiesen. Durch lange Jahre gehörte er als rechtskundiger Berater seiner Leitung an. Er verfaßte auch eine ausführliche Geschichte des Bundes, veröffentlicht im Tiroler Bauernbundkalender für 1968.

Genannt sei auch die Schlern-Schrift des Südtirolers Leo von PRETZ über das Haflinger Pferd. Sie erschien 1925, als jene Rasse noch wenig bekannt war und hat viel beigetragen, um auf ihre vorzüglichen Eigenschaften aufmerksam zu machen. Ein nordtirolisches Seitenstück bilden die Forschungen des am 3. November 1970 in Salzburg verstorbenen Dipl. Ing. Johann von PACHER über die Euringer Rinderrasse, die Vorläuferin unseres Fleckviehs.

Ich wollte nur mit einigen Beispielen die erfreuliche Tatsache belegen, daß die enge Verbundenheit zwischen Adel und Landwirtschaft nach wie vor weiterbesteht und sich zum Wohl des Bauernstandes auch heute noch auswirkt. Damit soll jedoch nicht behauptet sein, es hätte sich der Adel um bürgerliche Belange nicht gekümmert!

Innsbruck hatte zum Beispiel verdiente Bürgermeister aus adeligem Geschlecht. Ich nenne u.a. Felix Adam von RICCABONA von Reichenfels aus Vigo di Fassa
(1772-1831), einen tapferen Schützenhauptmann in den Kriegsjahren 1796 und 1797.
Seine Amtsführung dauerte von 1814-1829; unter ihm traten 1819 der Innsbrucker Musikverein, 1822 die Innsbrucker Sparkasse ins Leben [8]. Ebenso steht die Tätigkeit des Hieronymus von KLEBELSBERG (1800-1862), Bürgermeister von 1838-1850, Landeshauptmann von 1861-1862, in gutem Andenken; sie wird als "segensreich" bezeichnet [9].

Nebenbei sei bemerkt, daß Innsbruck in der Zeit, als Hieronymus von Klebelsberg das Bürgermeisteramt bekleidete, seine erste Turnanstalt bekam. Das Turnen war kein Reservat der Alldeutschen, denn ein gebürtiger Welschtiroler, Universitätsprofessor Hieronymus von SCARI aus Cles, Lehrer der politischen Wissenschaften, hatte im Jahre 1844 die Anregung gegeben. Kurz vor seinem im Juli 1845 erfolgten Tode wurde die Turnanstalt in einem Nebenraum des Redoutensaals eröffnet [10].

Bürgermeister von Trient war der auch als Archäologe geschätzte Benedikt Graf GIOVANELLI (1775-1846). Er machte sich verdient durch den Bau der Wasserleitung und als Vorstand der Landwirtschaftlichen Gesellschaft für Trient, er war auch um Kulturwerte bemüht als eifriger Förderer der Stadtbibliothek und des städtischen Museums; er bereicherte dieses durch die Stiftung seiner beträchtlichen Münzensammlung.

Es ist sehr hoch einzuschätzen, wenn ein Gutsherr seine Zeit und Erfahrung dem Gemeindewohl widmet. Was ein Bürgermeister oder Abgeordneter alles zu leisten hat, geht auch aus der Lebensgeschichte des Anton Freiherrn DI PAULI (1828-1883) [11] hervor. Für alles mußte er als Oberhaupt und Vertreter Kalterns herhalten, seien es Fragen der Steuerreform, der Glaubenseinheit, der Reblausbekämpfung, der Landesverteidigung. Als er gestorben war, bemühte sich sein Schwiegersohn, Paul Baron BIEGELEBEN, seinem Andenken ein anerkennendes Wort zu verschaffen; die tirolischen Blätter waren gar zu gleichgültig über den Tod jenes hochverdienten Mannes hinweggegangen! Ich besitze diesbezügliche Briefe. So schreibt Baron Biegeleben am 20. März 1883 an einen seiner Freunde: "...Sie sind gewiß in der Lage einen warmen und schwungvoll geschriebenen Nekrolog zu bringen. Es ist dies keine kleinliche Eitelkeit seitens der Hinterbliebenen, denn wir alle suchen die Haupteigenschaften des Verstorbenen, seine Bescheidenheit und Selbstvergessenheit zu den unserigen zu machen, allein es scheint mir Pflicht zu sein den edlen Charakter des Verstorbenen ans Licht zu ziehen und dadurch zum Beherzigen seines Beispiels anzuspornen. Der Nekrolog hätte hauptsächlich die Leistungen meines Schwiegervaters um das gemeine Wohl, speziell durch seine opfervolle Tätigkeit in der Gemeinde, dieser wichtigsten Instanz im öffentlichen Leben, hervorzuheben...". Noch mehrere spätere Schreiben befassen sich mit jenem Nachruf; anscheinend ist er trotzdem nicht zustand gekommen. Erst 48 Jahre nach Anton Di Paulis Tod brachte sein Sohn Johann Nepomuk Baron DI PAULI (1874-1931) in einem mehr als 600 Seiten starken Band ein seiner Verdienste würdiges Erinnerungswerk, zugleich einen wertvollen Beitrag zur inneren Landesgeschichte heraus.

Der Begriff eines sozialen Wirkens umfaßt einen großen Bogen. Man kann sich u.a. für Wohlfahrtseinrichtungen einsetzen oder persönlich um Hilfsbedürftige bemühen. Vor allem haben tüchtige Ärzte in ihrer Praxis unendlich viele Möglichkeiten Gutes zu tun! Ich denke an berühmte Mediziner aus drei Generationen der Familie von WEINHART [12]: den Pestarzt Paul den Älteren (1570-1648, geadelt 1617), seinen Sohn, den erzherzoglichen Leibarzt Paul den Jüngeren (1622-1710), dessen Sohn Ferdinand Karl (1654-1716), den angesehenen Professor und Verfasser medizinischer Werke.

Bei der verheerenden Epidemie im Jahre 1611 standen dem genannten Innsbrucker Pestarzt Paul Weinhart zwei opfermutige Priester aus dem Jesuitenorden zur Seite: P. Caspar KÖSTLAN aus der Brixner Adelsfamilie von MELCHIOR, der der Adelssitz Köstlan zu eigen war, dann P. Adalbert TANNER. Die drei bildeten ein Kollegium als "Provisores sanitatis"; allerdings stand der Arzt bald wieder allein, denn beide Priester
erlagen der Seuche [13].

Jetzt wäre noch von anderen Männern zu berichten, die sich in anderen Nöten hilfreich erwiesen und ihrer Mitwelt besonders wertvolle Dienste geleistet haben.

Weil vorhin schon vom Pflanzenbau die Rede war, sei an das unvergängliche Verdienst eines Edelmannes erinnert, der die Südtiroler Weinwirtschaft vor dem Ruin gerettet hat. Im Laufe des Jahres 1851 stellte sich nämlich in den Weingegenden ein unheimlicher Gast ein, der die Weinbauern jahrelang in helle Verzweiflung trieb. An den Beeren zeigte sich ein weißer Schimmelpilz, der die Beeren in ihrem Wachstum hemmte und zum Aufspringen und Eintrocknen brachte. Die Krankheit breitete sich immer weiter aus und verursachte unendlichen Schaden. Versuche, sie mit Eiklar oder Bestreichen mit Tischlerleim zu bekämpfen, schlugen fehl. Endlich entstand im Jahre 1858 den Weinbauern ein Retter in der Person des Bozner Weingutbesitzers Ludwig von COMINI (1814-1869) [14]. Es war nicht seine eigene Erfindung, die Pilzkrankheit mit Schwefelstaub zu bekämpfen, aber sein zäher, vor keinen Opfern zurückschreckender Wille war es, daß er eine ihm zugekommene Anregung unermüdlich erprobte und schließlich die richtige Anwendungsweise entdeckte, um der Landplage Herr zu werden. Zuerst verlacht, dann als Wohltäter gefeiert und vom Kaiser ausgezeichnet lebte er im Munde des dankbaren Volkes weiter als der "Schwefelapostel Comini".

Eine Nebenbemerkung sei eingefügt: es mag nicht verwundern, daß z.B. die meisten Veröffentlichungen über das Waidwerk von Adelskreisen ausgehen, weil die Jagd vormals fast ausschließlich ein Vorrecht des Adels war. Auffallend ist, daß auch der Weinbau zu jenen Gebieten gehört, in denen der Adel führende Kräfte stellte. Unter anderem war es der Pfälzer Freiherr August Wilhelm von BABO, dessen Lehrbücher des Weinbaus im vorigen Jahrhundert in zahlreichen Auflagen verbreitet waren. Tirol selbst erhielt im "Tiroler Weinbuch" [15] des Südtiroler Weingutsbesitzers Grafen HUYN einen mit geschichtlicher Einführung, kulturhistorischen und kulinarischen Exkursen bereicherten, lebendig beschreibenden Führer durch seine Weinbaugebiete.

Über ein anderes Tätigkeitsfeld, auf dem sich der Adel ebenfalls vorbildlich hervortun konnte, spricht wieder Wilhelm Heinrich RIEHL (S. 186): "ZUM GRUNDBESITZ GESELLT SICH IN NEUERER ZEIT DIE GROSSE INDUSTRIE. SIE ERÖFFNET DEM BEGÜTERTEN ADEL EIN NEUES FELD. UND WIE IHN DAS ACKERGUT DEM BAUERN NAHE BRINGEN SOLLTE, SOLLTE ER HIER DER PATRON DES KLEINEN GEWERBSMANNES WERDEN UND DES TAGELÖHNERNDEN ARBEITERS, DES MANNES VOM VIERTEN STAND".

In Tirol hatten sich jene Worte längst schon erfüllt. Denn tirolische Edelleute hatten bei manchen wichtigen Unternehmungen die Initiative an sich gerissen, z.B. im Bergbau. Besonders die vorhin genannten FIEGER [15a] waren wegen ihres sozialen Verhaltens und ihrer wohltätigen Stiftungen beliebtere Unternehmer als die namensähnlichen, aus dem Kaufmannsstand hervorgegangenen FUGGER. Zwar auch die Fugger stifteten Wohlfahrtswerke, doch erlangten sie niemals jene Sympathien, die man jenem heimischen Geschlecht der Fieger zollte. Zuviel war über Fuggerische Wuchergeschäfte durchgesickert, die das Land in schwere Schuldenlast stürzten, z.B. über den Kredit von 150.000 Gulden im Jahre 1488, für den der Landesfürst Erzherzog Sigmund einen Schuldschein über 200.000 Gulden ausstellen mußte [16]. Auch hatte es im Jahre 1582 zu einem Knappenaufstand geführt, als die Fugger versucht hatten, den Lohn der Schwazer Knappen zu drücken [17]. Am 14. März 1600 mußte die tirolische Kammer den Fuggerischen Faktor ermahnen, dafür zu sorgen, daß den Knappen zu Imst der übliche Lohn und nicht weniger als es anderwo geschah, gezahlt werde [18].

Die sozial fühlenden Herrn von FIEGER waren allerdings gleich wie die Tänntzl und andere Tiroler Unternehmer finanziell ruiniert worden, als der Bergsegen nachgelassen hatte. Sie hatten sich um das Jahr 1560 nach schweren Verlusten vom Bergbau zurückziehen und das Feld Ausländern überlassen müssen. "DIE EHEMALIGEN INLÄNDISCHEN GEWERKEN", so klagte die Kammer im Jahre 1564, "WAREN IN EHREN ZU HALTEN, ABER DIE JETZIGEN FREMDEN SEHEN NUR AUF EIGENEN GEWINN... und so werden auch die Gesellen den Berg verlassen, da man ihnen das Gewinst so entzieht, daß sie nicht mehr bestehn können" [19].

Solange die Fieger noch reich waren, hatten sie zum Bau der Haller Pfarrkirche beigesteuert, sie hatten ihr um das Jahr 1490 eine Vorhalle mit ihrer Grabkapelle angebaut und eine Kaplanei gestiftet, außerdem den Armen der Stadt im Jahre 1495 ein Versorgungshaus mit zugehörigem Bad, die sogenannte "Schrattenthal-Stifung" [20] gewidmet; es lag nördlich des Stadtgrabens in der Gegend des heutigen Landesnervenkrankenhauses.

Auch in Innsbruck bewies ein Adelsherr ähnliche Großzügigkeit. Konrad der HELBLING von Straßfried widmete dem Stadtspital im Jahre 1348 ein Haus in der Schlossergasse [21]. Weitere Stiftungen Adeliger ließen sich so viele nennen, daß hier der Platz kaum ausreichen würde. Zum Beispiel waren die Stifter und Hauptwohltäter des Haller Franziskanerklosters Pantaleon SCHIESTL von Liechtenthurn und Georg von ETTENHART (gest. 1648) [22], des Haller Klarissenklosters, 1717, der Brixner Domherr Franz von ENZENBERG (1645-1727) [23], des Franziskanerklosters in Innichen der jung verstorbene Michael DINZL von Angerburg (1671-1706) [24]. Weil Ulrich von WINKELHÖFEN aus Brixen (gest. 1665) unter dem Ordensnamen Cassian den Kapuzinern eingetreten war, ließ seine Mutter Kunigunde, geborene Baronin SPAUR, aus seinem väterlichen Erbe das Brixner Kapuzinerkloster nebst zugehöriger Kirche errichten [24a]. Das seien nur einige Beispiele aus vielen ähnlichen Stiftungen!

Fischnalers Innsbrucker Chronik [25] nennt als Wohltäter der Landeshauptstadt unter anderen den am 6. Oktober 1853 verstorbenen Josef Freiherrn von REINHART. Er vermachte der Stadt sein Haus, dem Ferdinandeum seine wertvolle Münzensammlung, dann 10.000 Gulden zu Kleiderspenden für arme Schulkinder. Auf derselben Seite der Chronik ist auch des am 24. Jänner des gleichen Jahres verstorbenen Rechtsanwaltes Freiherrn Alphons von PULLIANI (geb. 1798) gedacht, der hochverdient war als Gründer des St.-Vinzenz-Vereines zur Betreuung von Hausarmen, des St.-Elisabeth-Vereines zum Heranbilden von Kinderwärterinnen und Beaufsichtigen armer Kinder und von Wohltätigkeitsanstalten für Studenten und Dienstboten. Außerdem war er Gründer des Katholischen Stammvereins in Innsbruck (1848). Der seit 1849 segensreich wirkende St.-Vinzenz-Verein fand später in Innsbruck in Oswald von HÖRMANN (gestorben 1917) einen mit hingebendem Eifer auf das Wohl verschämter Armer bedachten Leiter [26]. In Bozen entstand im Jahre 1868 ein Zweigverein, angeregt durch Josef Graf THUN. Dessen Bruder Franz war sein erster Präsident, Universitätsstudenten, meist aus adeligen Häusern, waren die ersten Mitglieder. Seit mehreren Jahrzehnten steht Franz Josef Graf FORNI an der Spitze jenes edlen Werkes.

Fischnalers Innsbrucker Chronik nennt noch eine Reihe anderer wohltätiger Einrichtungen, die dem Adel zu verdanken sind. So im 4. Teil [27]: Am 7. Februar 1834 gründet Frau Gräfin WILCZEK, die Gattin des Landesgouverneurs einen Frauenverein zur Errichtung und Erhaltung von Industrieschulen und Kinderbewahranstalten [28].

Durch die Hochherzigkeit des Fräuleins Therese von LEMMEN konnte in Hall eine verdienstlich wirkende Niederlassung der Tertiar-Schulschwestern entstehen. Fräulein von Lemmen widmete dem Zweck ihr Vermögen von 80.000 Gulden. Im Jahre 1846 wurde das leerstehende, schon ruinenhafte frühere Haller Spitalgebäude mit der Spitalkirche angekauft. Nach einem für Schulzwecke errichteten Neubau eröffneten Schulschwestern aus dem Mutterhause zu Kaltern am Beginn des Jahres 1852 die heute sehr angesehene und durch eine Hauptschule ergänzte Mädchenschule [29].

Am 16. Dezember 1903 wird der Kindergarten im Pechegarten in Wilten auf Grund einer Stiftung des Feldmarschall-Leutnants Franz von SCHIDLACH errichtet. (S. 294) Am 6. Mai 1878 widmete der Rittmeister Albert Graf BENZEL-Sternau für ein Blindeninstitut 48.000 Gulden. (S. 296) Am jetzigen Adolf-Pichler-Platz, neben dem alten Stadtspital, wurde in den Jahren 1506 und 1507 ein Bruderhaus für arme und bresthafte Leute errichtet. Stifter waren die Bürger Jörg und Bernhard ATTLMAYR, Hauptwohltäterin Regina Freiin von LAMBERG. Am 4. Mai 1868 stiftete Frau Josefine von SCHEUCHENSTUHL, geb. von STABILE, das Mädchenwaisenhaus in der Museumstraße, heute Caritasheim. (S. 297 und 299) Am 9. November 1883 stiftete Hans von SIEBERER das Knabenwaisenhaus am Saggen. Am 23. April 1909 wurde der Grundstein zum Bau des von ihm gestifteten Greisenasyls gelegt. (S. 301) Am 10. Jänner 1772 bildete Gouverneur Graf HEISTER eine "Armendeputation" aus 53 der Geistlichkeit, dem Adel und Bürgerstand entnommenen Mitgliedern, um planmäßig, Haus für Haus, die Armen zu betreuen. Erster Präsident war der spätere Landeshauptmann Josef Graf SPAUR. Eine Unterabteilung sorgte auch für Verdienstmöglichkeiten und für das Anschaffen von Spinn und Strickereimaterial. So war längst schon dem entsprochen, was der alte RIEHL auf S. 186 seines wiederholt zitierten Buches ausgesprochen hatte: "BEI DER GRÜNDUNG GEMEINNÜTZIGER ANSTALTEN SOLL DER NAME DES EDELMANNES OBENAUF STEHEN!". Längst schon hatte man sich um Arbeit für den armen Mann bemüht! 

Bereits in das Jahr 1603 reichen Versuche des damaligen Statthalters und späteren Landesfürsten ERZHERZOG MAXIMILIAN des Deutschmeisters, eine Barchent- oder Tuchweberei ins Leben zu rufen, um armen Landesbewohnern Arbeit und Brot zu verschaffen [30]. Nach mehreren mißglückten Versuchen kam es erst im Jahre 1693 durch namhafte Beiträge aus Adelskreisen zur Gründung eines größeren Unternehmens, nämlich der Leinwandfabrik in Amras. Die Grafen KÜNIGL und TRAPP, die Freiherrn von DREYLING, EGITZ und WICKA hatten je 1.000-1.500 Gulden beigesteuert. Die Grafen KÜNIGL und TANNENBERG errichteten 1695 sogar eine Zweigstelle des gutgemeinten Unternehmens in Bruneck. Der geschäftliche Erfolg blieb zwar aus, die Innsbrucker Fabrik mußte wiederholt ihre Besitzer wechseln, doch beschäftigte sie im Jahre 1764 immer noch 11 Webmeister und 30 Gesellen. Einen ähnlich geringen Erfolg erlebten auch die Gründer einer "Leonischen Fabrik" in Innsbruck im Jahre 1682. Zu den Aktionären gehörte u.a. ein Baron ZECH. Nach einem zu Leon in Spanien entwickelten Verfahren sollte vergoldeter oder versilberter feiner Kupferdraht für Schmuckarbeiten hergestellt werden; er sollte für Schmuckarbeiten Verwendung finden. Aus dem Ahrntaler Bergbau der Grafen von TANNENBERG und der Freiherrn von STERNBACH stand vorzügliches Kupfer zur Verfügung, doch das Unternehmen scheiterte aus Mangel an Tradition. Die Fabrik ging nach wenigen Jahren ein, doch wurde der Gedanke trotzdem nicht aufgegeben. Im Jahre 1802 erlangten die genannten Bergwerksherrn die Konzession für eine neue Leonische Fabrik in Schwaz. Sie konnte nach den Kriegswirren und nach dem verhängnisvollen Brand von Schwaz vom Mai 1809 erst im Jahre 1814 in volle Tätigkeit treten. 200 Arbeiter aus jenem Notstandsgebiet erhielten durch jenes Unternehmen Verdienst.

Die Fabrik hatte einen tüchtigen Leiter, Joseph Anton Edlen von BRENTANO (gestorben 1847 zu Schwaz) [31]. Durch seinen rastlosen Eifer steigerte er nicht nur ihre Leistungsfähigkeit, sondern auch den Absatz ihrer Erzeugnisse. Nebenbei war er auch ein großer Gartenfreund; er trug durch Verbreiten von Edelreisern der besten Obstsorten viel dazu bei, um in der ganzen Umgebung den Obstbau zu heben.

Die im Jahr 1839 in den Nachbarort Stans verlegte Leonische Fabrik gedeiht weiter im Besitz der Grafen ENZENBERG und beschäftigt sich heute hauptsächlich mit dem Herstellen von Christbaumschmuck. Was sie seinerzeit für die notleidende Schwazer Bevölkerung bedeutet hatte, hat im nordwestlichen Tirol ein Seitenstück. Zu Ende des 18. Jahrhunderts betrieb dort die "Strelische Kompanie" mehrere Textilfabriken. Auch durch das Ausgeben von Heimarbeiten bot sie zahlreichen Menschen, die sonst gezwungen gewesen wären auszuwandern, Verdienst. In der netten Volkskundlichen Schilderung des Joseph ROHRER "Uiber die Tiroler", Wien 1796, ist auf S. 20, im Abschnitt über den Gewerbefleiß der Tiroler, zu lesen: "Die Spitzenklöpplerinnen zu Rietz, Gröden, Taufers... gering gerechnet 800, arbeiten für die nach Italien handelnden Botzner Herren, die Kattunfabrik des Herrn STRELE von Strelburg zu Reutti setzt doppelt so viele Personen in den Pfarren Tannheirn, Reutti und dem oberen Lechthale zum Spinnen, Weben, Drucken und Färben in Bewegung, die Strelische Kompanie zu Imst zu gleichem Endzwecke in den Gerichten Imst, Landeck Laudeck und dem unteren Lechthale über 2.000 Menschen".

Oberforstrat Dipl. Ing. Georg STRELE (1861-1950), bekannt als hervorragender Fachmann auf dem Gebiet der Wildbachverbauung, gab seinerzeit in den Tiroler Heimatblättern [32] einen kurzen Überblick über das segensreiche Wirken jener Unternehmungen seiner Verwandten. Die Strele hatten im Jahre 1747 mit einer Leinenwaren Manufaktur begonnen, später auch Baumwollwaren erzeugt, Spinnschulen errichtet und die zum Teil von Hauswebern hergestellten Waren immer mehr verfeinert und vervollkommnet. Sie beschäftigten im Jahre 1791 4.106 Familien. Einschließlich der mittätigen Familienangehörigen waren das ungefähr 8.000 Personen! Leider wurde die Strelesche Kompanie ein Opfer der Napoleonischen Kriege, als die Rohmaterialien ausblieben und sich die Absatzgebiete verschlossen.

Die Leitung solcher dem Volkswohl dienenden Unternehmungen war eine nicht genug zu rühmende Tat! Aber auch andere Bemühungen adeliger Personen, um die Volkswirtschaft des Landes zu fördern, verdienen Anerkennung! Als zum Beispiel der Gedanke aufkeimte, man könnte auch in Nordtirol eine Seidenindustrie begründen, um vielen Leuten Arbeit und Verdienst zu geben, veröffentlichte der schon an anderer Stelle genannte Franz von LAICHARDING deutsche Ausgaben zweier in italienischer Sprache herausgekommener Schriften des Franz von BARONI-Cavacabo: "Anweisung zur Erzüglung der weißen Maulbeerbäume", Innsbruck 1764 und "Gründliche Anweisung zum Seidenbau", Innsbruck 1765. Auch Johann von SCHMUCK gab eine "Kurze Anleitung zum Seidenbau auf deutschem Boden mit besonderer Rücksicht auf Nordtirol", Innsbruck 1854, heraus.

RIEHL sagt weiter (S. 186): "ALS KOSTBARES STANDESVORRECHT SOLL DER ADELIGE DARAUF HALTEN SICH IN DEN FÜR WOHLTÄTIGE ZWECKE GEZEICHNETEN SUMMEN VON KEINEM BÜRGERLICHEN GUTSBESITZER ÜBERTREFFEN ZU LASSEN!"

Seinerzeit eröffnete der Kaiser nach Elementarkatastrophen die Reihe der Spender mit einem bedeutenden Beitrag aus seiner Privatschatulle. Ihm schloß sich der Hochadel mit wahrhaft fürstlichen Beiträgen an. Bürgerliche, die Schritt halten konnten, wurden mit Adelstiteln ausgezeichnet und durften fortan an der Spitze mitmarschieren. Man spottete zwar über die "OCHSENBARONE", reich gewordene Viehhändler, die ihren Freiherrnstand durch Stiften eines Spitals oder Waisenhauses erkauft hatten. Im Grunde war es der Allgemeinheit dienlich, wenn Neureiche durch eine Standeserhebung angeregt wurden, von ihren Mitteln auf vornehme Weise Gebrauch zu machen!

Heute sind in den meisten Fällen anstelle der Almosen Renten- und Versicherungsansprüche getreten. Trotzdem läßt sich private Wohltätigkeit nicht ersetzen. Die Opferwilligkeit des Adels war immer schon beispielgebend! Privater Anregung verdankt manches Wohlfahrtswerk von dauernder Bedeutung sein Entstehen. Wörtlich sagte der Abgeordnete Dr. Johann HASSLWANTER in der Landtagssitzung vom 26. November 1866: "Was zum Wohle des Landes berufene Körperschaften nicht vermögen, leistet der Herr oft durch einen Einzelnen" [33]. Er sprach das in einem Rückblick auf die Geschichte der Landestaubstummenanstalt, die damals aus bischöflicher Leitung vom Land übernommen wurde.

Eine einfache Veranlassung führte zu diesem so wichtigen Institute. Der edle Graf Johann von TRAPP erbarmte sich eines taubstummen Knaben von der Stadt Glums, schickte ihn zu seiner Ausbildung in die Taubstummenanstalt nach Wien und machte in der Kongreßsitzung vom 14. Mai 1821 den Antrag auf Errichtung einer vaterländischen Taubstummenanstalt, denn er berechnete, daß wir mehr als 300 solcher Unglücklicher besitzen...

Er führte weiter aus, daß zuerst aus privaten Stiftungen ein kleineres Institut für 7, dann für 10, schließlich für 40 Zöglinge zustande kam, das jetzt als Landesanstalt entsprechend auszubauen sei.

Daß die armen Blinden im vorigen Jahrhundert in Josef Freiherrn von GIOVANELLI einen treu besorgten Anwalt hatten, wurde schon am Eingang dieses Abschnitts erwähnt. In unserem Jahrhundert nahm sich ihrer besonders Hofrat Philipp Freiherr von WINKLER (gest. im Jänner 1946) an. Er gab 1936 auch ein Büchlein heraus; es beschreibt das vor allem durch seine Bemühungen zustande gekommene Innsbrucker Blindenheim [34].

Mir liegt es allerdings fern, durch Hinweise auf das Beispiel edler Adelsherrn den Anschein zu erwecken, als wäre ähnlicher Opfermut nur unter Adeligen zu finden; aus allen Kreisen der Bevölkerung lassen sich vorbildliche Gestalten erwähnen! Im Rahmen der vorliegenden Abhandlung sei jedoch betont, daß auch der Adel in den verschiedensten Belangen Werke der Barmherzigkeit erbracht hat, die aller Ehren wert sind. "DER BÜRGERLICHE WIRD ZUM VERDIENEN ERZOGEN, DER ADELIGE ZUM SCHENKEN!"; ich hörte dieses Wort in früher Jugend.

Man hat in Österreich den Adel abgeschafft, aber man braucht den Adeligen! Man benötigt Männer mit vornehmer Gesinnung und entsprechenden Umgangsformen. Daher stellt man Adelige mit Vorliebe an die Spitze gemeinnütziger Vereinigungen jeder Art. Kameradschaftsverbände gedienter Soldaten stellen mit Vorliebe volksverbundene Adelige an ihre Spitze, die Pfadfinder Tirols haben in Diplom-Ingenieur Bernhard von RICCABONA einen umsichtigen Feldmeister, die Geschichte des Österreichischen Alpenvereins ist mit dem Namen Raimund von KLEBELSBERG untrennbar verbunden.

Ritterlicher Überlieferung entspricht es, wenn in Notgebieten Hilfszüge der alten und durch opferfreudige Bürgerliche verstärkten Ritterorden eintreffen, um Bedürftige mit dem Notwendigsten zu versorgen. In beiden Weltkriegen bewährte sich jene vorbildliche christliche Caritas. Ein Werk der Nächstenliebe ist zum Beispiel der Hilfsdienst des Malteserordens. Junge Leute beiderlei Geschlechts, Adelige und Nichtadelige, beteiligen sich daran und stellen einen Teil ihrer freien Tage selbstlos zur Verfügung, um Kranke und Verletzte zu betreuen. Auch Tirol hat eine von Leonhard Graf WOLKENSTEIN geleitete Zweigstelle mit blühendem Leben. Etwa 30 in Erster Hilfe ausgebildete junge Männer und Mädchen stellten sich ein 3. Juli 1971 in der Wiltener Stiftskirche zur Aufnahme in den Malteser-Hilfsdienst. Auf die Worte des Fürstgroßpriors:

Der Geist des Ordens verlangt gegen das achtfache Elend dieser Welt zu kämpfen. Das sind: Krankheit und Verlassenheit, Heimatlosigkeit und Hunger, Lieblosigkeit und Schuld, Gleichgültigkeit und Unglaube. Seid Ihr dazu bereit?

antworteten sie mit einem entschlossenen "Ich bin bereit!".

Ich bringe einige Sätze aus dem seit Jahrhunderten überlieferten Aufnahmszeremoniell des Ordens:

Mein Freund, Ihr begehrt die Gemeinschaft dieses Hauses und es ist Euch bekannt, daß viele Adelige große Bitten taten und sehr erfreut wären, wenn eines ihrer Kinder in einem so heiligen Orden wie dem des Hospitals aufgenommen würde. Und wenn Ihr der Meinung seid und wünschet gut gekleidet zu sein und den großen Herrn zu spielen und jegliche Art von Bequemlichkeit zu haben, dann seid Ihr im Irrtum, denn wenn Ihr essen wollt, werdet Ihr fasten müssen, und wenn Ihr schlafen wollt, werdet Ihr wachen müssen! Und man wird Euch auftragen sich hierhin und dorthin zu begeben, und es wird erforderlich sein auf Eueren Willen zu verzichten, vielmehr bereit zu sein Härten auf Euch zu nehmen... Und außerdem leisten wir ein Versprechen, das sonst kein Mensch macht, denn Ihr versprechet Diener und Sklaven unserer Herrn, der Kranken zu sein...

Dann folgt die Bekleidung mit dem Ordensmantel:

Sehet das Zeichen des Kreuzes, das ihr am Mantel tragen werdet .... Gott möge Euch durch dieses Kreuz und den Gehorsam, den Ihr leistet, schützen und verteidigen! 

Nach diesem Blick auf jene Kundgebung stets weiterlebenden Rittergeistes sei nicht vergessen, auch das wohltätige Wirken edler Frauen zu erwähnen!

Verehrungswürdige Gestalten aus dem Mittelalter wie ELISABETH, Landgräfin von Thüringen, und HEDWIG, Herzogin von Schlesien, die erstere eine ungarische Königstochter, die andere eine geborene Gran von Andechs, verkörpern das Idealbild der um das Wohl der Armen und Kranken besorgten Burgfrau. In der tirolischen Überlieferung ist ihre Rolle auch der frommen Dienstmagd des stolzen ROTTENBURGERS, NOTHBURG von Eben [35], zugeschrieben.

Man wird an das gütige Walten jener heiligen Frauen denken, wenn man in der Geschichte der STACHELBURGER-Nachkommen liest: "Ein Strom stiller Wohltaten ging von den beiden Ansitzen Kalmünz in Meran und Münzbank in Grien bei Bozen aus, wo die Schwestern Elisabeth und Luise von GIOVANELLI die Zeit ihrer Witwenschaft verbrachten. Ungezählte Koststudenten, oft ein halbes Dutzend zugleich, fanden hier wie dort festlichen Tisch, verschämte Arme reichliche Unterstützung. Gemeinnützige Vorhaben, die Errichtung des Lehrerseminars in Grien, des Seraphischen Liebeswerkes in Dorf Tirol, der Bau von Schulhaus und Genossenschaftskellerei in Terlan, der Schießstand in Gries und vieles andere, besonders auch die katholische Presse, fanden großzügige Förderung..." [36].

Der Typus der um alle Notleidenden besorgten gütigen Burgfrau lebt noch in unserer Zeit. U.a. bewundere ich schon seit Jahrzehnten die aufopferungsvolle Sorge einer Schloßbesitzerin in der Nähe von Hall um die Kranken. Sie trägt ihnen jede Erdbeere ihres Gartens zu, während sie alle seine Blumen der Ortspfarrkirche zum Schmuck der Altäre widmet.

Ich verweise noch auf ein einzelnes, gewiß nicht allein stehendes Beispiel aus einer Kalterer Familiengeschichte: es hatte der seinerzeitige Besitzer des Adeligen Ansitzes Windegg in der Nähe des Kalterer Sees, Nepomuk von SCHASSER (gest. 1827) in seiner Gemahlin Anna MARINI nicht nur eine tüchtige Hausfrau, sondern auch eine ebenbürtige Partnerin seiner auf das Wohl seiner Gemeinde zielenden Bestrebungen, denn er war wiederholt Bürgermeister und brachte Kaltern trotz aller Kriegsnöte in die Höhe!

"Klug und energisch, aber auch voller Güte und teilnehmender Liebe, erwarb sie schnell die Zuneigung aller, die sie kannten. Die schweren Kriegsjahre und ihre Folgen gaben ihr reichlich Gelegenheit helfend einzugreifen. Besonders war dies im Hungerjahre 1816 der Fall, wo sich ihr und ihres Gatten organisatorisches Talent zeigte. Sie begnügte sich aber nicht mit den Armen, die sie reichlichst unterstützte, und den Kranken, die sie fleißig besuchte, sondern trachtete auch dem ganzen Volke zu helfen. Für junge Bauernmädchen rief sie eine Arbeitsschule ins Leben, wo diese eine Vorbildung für ihren künftigen hausfraulichen Beruf erhalten sollten... Aber besonders groß zeigte sie sich im Jahre 1836 bei der Choleraepidemie. Frau von Schasser floh nicht, sondern hielt tapfer aus; sie griff zu und half, wo sie nur konnte. Damit gelang es ihr vielen aus Kaltern das Leben zu retten..." [37].

In den drangvollen Tagen des Tiroler Freiheitskampfes und der düsteren Nachkriegszeit setzte sich in Bozen die verwitwete Frau Maria Anna von GIOVANELLI, geborene von PACH (gestorben am 29. Dezember 1827) in hochherzigster Weise für die verfolgten und eingekerkerten Landsleute ein. Ihren Bemühungen ist es zu verdanken, daß Andreas HOFER's Frau und sein Sohn aus französischer Gefangenschaft entlassen wurden. Sie hätte auch dem Peter MAYR, dem Wirt an der Mahr, das Leben gerettet [38]! Er war am 14. Februar 1810 zum Tod verurteilt worden, weil er nach Friedensschluß weitergekämpft hatte. Der französische Befehlshaber, General Graf BARAGUAY D'HILLIERS, hatte sich durch einen Fußfall von Mayrs Gattin, der Maria Crescentia FUX aus Gries am Brenner, und ihrer Kinder nicht bewegen lassen, das Urteil aufzuheben. Da war es Frau von Giovanelli, die helfend einsprang. Sie flößte der Gemahlin des Generals solche Teilnahme am Geschick des Verurteilten und seiner Familie ein, daß sich der General gewinnen ließ, für den 19. Februar eine neue Verhandlung auszuschreiben, um das erste Urteil zu überprüfen. Auf seine persönliche Weisung wurde dem Angeklagten eine rettende Ausrede, er hätte die Aufforderung zum Niederlegen der Waffen nicht gesehen, sozusagen in den Mund gelegt, doch der ehrliche Peter Mayr blieb bei seinem Schuldbekenntnis; so mußte sich sein Schicksal vollziehen!

Auch ein treuer Patriot, der in jenen schweren Zeiten ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohl auf die Interessen seines Landes und seiner Mitbürger bedacht war, nämlich der Bozner Merkantilkanzler Franz von PLATTNER zu Neufeld (1771-1817) bemühte sich für die Freilassung eingekerkerter Landsleute. Ihm gelang es, durch sein Ansehen und seine Sprachkenntnis den Schützenmajor EISENSTECKEN und andere aus dem Gefängnis zu befreien [39].

Vornehme Damen standen seit jeher an der Spitze der Wohltätigkeitsvereine, so wie Frau Therese MALFATTI, geborene Gräfin SARNTHEIN (1867 bis ca. 1940) an der Spitze der Katholischen Frauenorganisation stand. Unvergessen ist u.a. Frau Julie Gräfin TRAPP, geb. Gräfin LAMBERG (1876-1954), die Präsidentin des Wohlfahrtsvereins vom Roten Kreuz, als Anregerin des Christkindleinzuges in Innsbruck. Er wird seit etwa 1930 regelmäßig abgehalten, findet stets den Beifall der Zuseher und führt wohltätigen Zwecken beträchtliche Einnahmen zu.

Als Präsident des Roten Kreuzes in den schweren Zeiten des Ersten Weltkrieges und der anschließenden Notjahre, erwarb sich ihr Gemahl, der Exzellenzherr Gotthard Graf TRAPP (1864-1940) bleibende Verdienste. Das Beschaffen der für die Kriegsspitäler notwendigen Mittel, die Sorge um den Austausch schwer verletzter Gefangener, der Vermißtensuchdienst forderten hingebungsvolle Arbeit, die er mit Anspannung aller Kräfte erfüllte. Aber auch in anderer Weise, die ebenfalls öffentlichen Interessen zukam, war sein Wirken verdienstvoll. Er hatte auf seinem sorgsam gepflegten eigenen Schloßbesitz hinreichende Erfahrung in der Erhaltung alter Baudenkmäler gesammelt, er war durch Befähigung und Neigung wie geboren zum Leiten des Vereines für Heimatschutz in Tirol. Durch seine langjährige Tätigkeit als Obmann jenes Vereines trug er wesentlich bei, um Verunstaltungen des Orts- und Landschaftsbildes zu verhindern und um gelungene Restaurierungen und anheimelnde Neubauten durchzusetzen. Sein Sohn, Landeskonservator im Ruhestand, Hofrat Dr. Oswald Graf TRAPP, leitete später das Landesdenkmalamt mit einer seiner Familienüberlieferung entsprechenden Umsicht. Zur Zeit des Dritten Reiches war das mit Schwierigkeiten und Gefahren verbunden; der Betreuer der überlieferten Kulturschätze sollte ein gefügiges Werkzeug der Gauleitung sein! Doch Oswald Graf Trapp wehrte sich mutvoll gegen die geplante Zerstörung kirchlicher Kunstdenkmäler; man zog ihn schließlich zum Kriegsdienst ein, um den unbequemen Mann loszuwerden! Seine vom gleichen Geist beseelte Vertreterin, Frau Doktor, jetzt Frau Hofrat Johanna GRITSCH widersetzte sich ebenfalls jenem Zerstörungswerk bis sie vom Gauleiter ihres Dienstes enthoben wurde; dies aber wurde von Berlin aus nicht anerkannt. So unterblieb die vom Gauleiter befohlene Sprengung der bombenbeschädigten Innsbrucker Jesuitenkirche und Wiltener Stiftskirche [40]!

Im Zusammenhang mit dem Denkmalschutz sei auch ein verdienter Wiener genannt! Dem von 1856 bis 1864 in Hall als Salinendirektor wirkenden Franz von SCHWIND (1805-1877) ist es nämlich zu verdanken, daß das Wahrzeichen Halls, der Münzerturm, noch steht! Er sollte wegen Baufälligkeit abgerissen werden, doch Franz von Schwind rettete ihn; er setzte sich für seine Erhaltung ein und ließ dem bisher mit schadhaften Bleiplatten bedeckten Turm ein neues Schindeldach geben [41]; das schön patinierte Kupferdach stammt nämlich erst aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts.

Verständnis für heimische Kultur ist zwar nicht an adelige Geburt gebunden; Tirol hat, wie schon aus dem vorletzten Absatz hervorgeht, auch tüchtige Heimatpfleger bürgerlicher Herkunft! Adel ist gewiß nicht die Vorbedingung für jenen Beruf; ich wollte es jedoch nicht unterlassen, auf die engen Beziehungen des Adels zu Denkmalpflege und landeskundlicher Forschung hinzuweisen. Wer sich der Wurzeln seines Seins bewußt ist, weiß was er dem Heimatboden schuldet!

Im Gedanken wie wichtig es ist, das Landschafts- und Siedlungsbild des Vaterlandes zu erhalten, um dem Bewohner jenes Heimatgefühl zu geben, das ihm ein Verbleiben begehrenswert macht, könnte der Abschnitt über das soziale Wirken des Adels mit dem Hinweis auf sein Eintreten für den Heimat- und Denkmalschutz ausklingen. Weil aber schon auf Verdienste anderer Mitglieder des Hauses Trapp hingewiesen ist, sei daran erinnert, daß auch Graf Hans, der ältere Bruder des Grafen Oswald, Anspruch auf den besonderen Dank des Landes besitzt. Dies wurde am 3. Juli 1971 bei einem akademischen Festakt ausgesprochen. In seiner Laudatio auf den vor fünfzig Jahren zum Doktor der Rechtswissenschaften Promovierten hob Professor Dr. Karl ILG hervor, daß der "Accordino" dem Grafen Hans TRAPP zu verdanken ist. Auf dessen Anregung kam nämlich jener österreichisch-italienische Vertrag zustande über einen begünstigten Warenaustausch zwischen Nordtirol und Vorarlberg auf der einen, Südtirol auf der anderen Seite; er ist eine segensreiche Einrichtung, er kommt beiden Landesteilen zugute und hilft immer weiter ausgebaut, wesentlich mit, um die wirtschaftlichen Nachteile der Teilung Tirols zu überbrücken.

Als derzeitiger Vorstand des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum dient Dr. Hans Graf Trapp dem Heimatland im Sinne seiner Familienüberlieferungen. Wir haben immer wieder von unbesoldeten Ehrendiensten in gemeinnützigen Vereinigungen gelesen. Aus privater Initiative ist das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum hervorgegangen. Hochherzigen Spenden ist ein beträchtlicher, vielleicht der kostbarste Teil seiner Sammlungen zu verdanken. Weil das Landesmuseum keine staatliche oder Landeseinrichtung, sondern ein Privatverein ist, blieben seine Bestände unberührt, als sich die italienische Regierung nach der Annexion Südtirols auf Grund des Friedensvertrages alle Südtiroler Archivalien und Kunstschätze aus Landes- und Staatsbesitz herausgeben ließ.

Stets standen angesehene Persönlichkeiten an der Spitze des Museumsvereines. Auch einfache Mitglieder rechneten es sich zur Ehre an jener vaterländischen Vereinigung anzugehören. "Mitglied des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum", steht auf mancher Todesanzeige als Ausdruck des treuen Bekenntnisses zum Heimatland. Man legte seinen Stolz darein, durch Widmungen die Ziele des Museumsvereines zu fördern. Erst in unserer Zeit ist es vorgenkommen, daß ein wohlmeinender Stifter auf Betreiben seiner Verwandtschaft als geisteskrank erklärt wurde, um die geschenkweise Überlassung wertvoller Kunstschätze widerrufen zu können!

Dem derzeit herrschenden Materialismus entspricht es, daß Aufwandsentschädigung, Sitzungsgelder im öffentlichen Leben zur Selbstverständlichkeit geworden sind und daß daher unbesoldete Vereinsverpflichtungen möglichst gemieden werden. Umsomehr ist der Idealismus derjenigen zu bewundern, die ihre Zeit dem Dienste der Heimat und ihrer Mitmenschen widmen ohne dafür klingenden Lohn zu fordern. Daß der Adel hier mit gutem Beispiel vorangeht, gehört zu seinen Ruhmesblättern!



 
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