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Bernhard Andergassen - Die Herren an der Gassen von Tirol - 2008/06
Die Herren an der Gassen von Tirol - Bernhard Andergassen - Die Herren an der Gassen von Tirol waren Ministerialien der Grafen von Tirol und hatten unweit von Schloss Tirol im ehemaligen Turm in Dorf Tirol, oberhalb von Meran, ihren Ansitz. Das Geschlecht der Herren an der Gassen von Tirol ist möglicherweise aus dem Geschlecht der Herren von Auer hervorgegangen (Schloss Auer bei Dorf Tirol). Der Name An der Gassen entwickelte sich wahrscheinlich durch Namens-Annahme eines Mitglieds der Familie nach dem Wohnort, einem Gut "an der Gasse". Ein Ortsteil von Dorf Tirol, nördlich der Kirche, wird heute noch Gassen genannt. Leider ist dort kein Gassgut mehr vorhanden, da das Dorf im 20. Jahrhundert durch Neubauten völlig verändert wurde. Das Gut an der Gassen war 1369 bereits in mehrere Höfe aufgeteilt. Der Name Andergassen kommt nicht nur in der Umgebung von Meran (z.B. auch in Verdins bei Schenna), sondern auch im Südtiroler Unterland in verschiedenen Namens-Abwandlungen in den Urkunden des 14. Jahrhunderts vor (z.B. Andergaz, von der Gassen, ab der Gahsen, Andergasse). Ob verwandtschaftliche Beziehungen zwischen diesen Namensträgern bestanden, ist nicht im Detail überliefert. Laut Brandis waren aber die Herren an der Gassen mit den Herren an der Platten von Algund verwandt, die in den Urkunden bereits im Jahre 1178 aufscheinen. Sie waren Cousins der Herren von Metz/Kronmetz und damit Stammväter der Metzner von Runkelstein (dies kann man man auch formal im Wappenvergleich der drei Geschlechter erkennen). Die wichtigsten Namensträger waren Heinrich an der Gassen zu Tirol und dessen Gattin Diemut. Heinrich hatte sieben Kinder: Diemut (verh. mit Ageman von Montani), Heinrich (Richter zu Salern, verh. mit Sophie), Jakob von Tramin (Burgpfleger auf Salern), Dietrich (Richter und Burggraf auf Salern, Richter zu Niedervintl und Pfunders), Johann, Konzmann oder Chunzman (Stadtrichter zu Matrei, verh. mit Agnes), nach dessen Vornamen in der älteren Geschichtsschreibung Matthäus` Nachname gebildet wurde und Mätthäus selbst. Sie siegelten teilweise noch mit dem Siegel der Herren von Auer. 1361 nahm Jakob an der Gassen von Tramin am ersten Tiroler Landtag zu Meran teil.
Die An der Gassen wurden in lateinischer Sprache Domini de Platea / de Vico Ville Tirol genannt.
Matthäus an der Gassen Karl IV., der böhmische König und spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reichs bewirkte, dass das Brixner Domkapitel am 20. November 1336 Matthäus an der Gassen zum neuen Fürstbischof von Brixen wählte. Über diese Wahl ist uns ein Dokument erhalten, das erstmals über eine Brixner Bischofswahl berichtet. Karl IV., machte Matthäus zunächst zum Domherren von Brixen, Pfarrer von Imst und Kaplan seines jüngeren Bruders Johann Heinrich auf Schloss Tirol. Johann war seit 1330 mit Margarethe Maultasch, der Tochter und Erbin des Landesfürsten von Tirol (Heinrich von Kärnten 1265-1335) vermählt. Auf Verlangen Johanns und Karls wurde An der Gassen zum Bischof berufen. Am 23. November 1336 wurde Matthäus durch den Salzburger Erzbischof Friedrich III. von Leibnitz zum Bischof geweiht und blieb in diesem Amt bis zu seinem Tod. Matthäus an der Gassen wird als sehr flexibler und anpassungsfähiger Fürstbischof erwähnt. Nachdem Johann Heinrich (Luxemburg) 1341 aus Tirol vertrieben worden war und Ludwig IV. der Bayer (1314–1347) im Jahre 1342 Margarethe von Tirol veranlasst hatte, seinen Sohn Ludwig V. zu heiraten, verhängte Papst Klemens IV. (1342–1352) über das Paar die Exkommunikation und über das Land Tirol das Interdikt. Als es anschließend zwischen den Luxemburgern und Wittelsbachern zum Kriege kam, übte Fürstbischof Matthäus kluge Zurückhaltung. Schließlich musste er sich aber, wenn er nicht wie der damalige Fürstbischof von Trient Nikolaus von Brünn (1338–1347) verjagt werden wollte, mit dem gebannten Landesfürsten Ludwig verbinden. Am 17. Dezember 1350 wurde Matthäus zum Kardinal berufen. Diese Berufung nimmt er jedoch nicht an. 1353 wurde ein Friedensvertrag zwischen Ludwig V. und Brixen geschlossen, das Fürstentum Brixen war nun formal Teil der Grafschaft Tirol.
Albrecht II. (1338-1358) vermittelte noch kurz vor seinem Tode die Aussöhnung Ludwigs und Margarethes mit der Kirche. Im Jahre 1359 wurde auch das Interdikt über das Land Tirol aufgehoben. Nachdem nun Margarethe, deren Gemahl 1361 und deren Sohn 1363 starben, Tirol aus Dankbarkeit für die erwiesenen Dienste im gleichen Jahre dem Habsburger Rudolf IV. (1358-1365) übertragen hatte, stellte sich auch Fürstbischof Matthäus auf die Seite der Habsburger und belehnte Rudolf IV. mit den bischöflichen Grafschaften. Als sich 1363 die Regentin Margarete von Tirol dem Habsburger Rudolf IV. anschloss, wechselte auch Bischof Matthäus von der Partei der Wittelsbacher zu den Österreichern. Matthäus, dem es gelang, im Gericht Thurn (Osttirol) mehrere Güter zu erlangen, erwarb auch Burg Gernstein bei Latzfons in Klausen samt Gericht. Mit Jakob von Avoscano stritt Matthäus 1350 wegen der Burg Andraz. Fürstbischof Matthäus an der Gassen von Tirol, der einen Schuldenberg von 4000 Gulden hinterließ und wegen Säumnis in der Abgabe päpstlicher Steuergelder sogar mit Zensuren bedroht wurde, starb am 27. Oktober 1363. Matthäus ist im Brixner Dom begraben, sein Epitaph befindet sich an der Außennordseite des Querarms des Doms, am alten Friedhof in Brixen. Der Grabstein ist zerstückelt.
Wappen der Herren an der Gassen Die Herren an der Gassen trugen hauptsächlich folgendes Wappen: geteiltes Schild oben rot, unten schwarz - darauf ein silbernes Speichenrad (acht Speichen), Helm: silbern, Helmdecke: innen silbern aussen rot, Helmzier: flaches Federgesteck, in den Farben und Zeichnung (Rad) gleich dem Wappenschild. Das Radwappen ist im Wappen der Metzner von Runkelstein aufgegangen (siehe z.B. Schloß Maretsch in Bozen). Es besteht auch Wappenübereinstimmung mit den Herren an der Platten, die auch Ministerialien in Tirol waren. Neuzeit und Genealogie Das neuzeitliche Wappen der Familien Andergassen, die großteils aus Kaltern und dem Südtiroler Unterland stammen, hat keine formal erkennbare Verbindung zum älteren adeligen Wappen. Es ist keine Genealogie der Herren an der Gassen vom frühen 14. Jahrhundert bis zur Erfassung in den Taufmatrikeln im späten 16. Jahrhundert überliefert. Laut Stolz taucht in den Urkunden aber ein sogenannter "Petrus an der Gassen de superiore Planiez als Grenznachbar in loco dicto Ackerlein" bereits 1419 in Kaltern-Oberplanitzing auf.
Die bürgerliche Wappenverleihung erfolgte, aufgrund von Verdiensten im Verwaltungswesen und im Krieg gegen die Türken, durch Ferdinand II. (Tirol) an die Familien (Gassen, Hanns an der, Georg, Michael, Brüder, Wappen mit Lehenartikel, Prag 1. März 1575). Die Zusammenschreibung des früher getrennt geschriebenen Namens erfolgte ca. 1700.
QUELLE:
- Burglehner, Mathias: Tiroler Adler, 1610-1639
- Siebmachers Wappenbuch (Si 3), 1. Ausgabe: Des erneuerten Teutschen Wappenbuchs III. Theil, 1656
- Brandis, Franz Adam Graf: Des Tirolischen Immergrünendes Ehren-Kräntzel, Botzen 1678
- Tarneller, Josef: Die Hofnamen im Burggrafenamt und in den angrenzenden Gemeinden, 1. Teil, Wien 1909
- Stolz, Otto: Die Ausbreitung des Deutschtums in Südtirol im Lichte der Urkunden, Band 1-4, München 1927-1934
- Fischnaler, Konrad: Wappen und heraldisch-sphragistische Studien aus Alttirol nebst Vorarbeiten zu einem tirolisch-vorarlberg`schen Wappen-Schlüssel, Innsbruck 1937
- Giovanelli, Enrico: Die Herren von Kronmetz, Innsbruck 1953
- Frank, Karl Friedrich von: Standeserhebungen und Gnadenakte für das Deutsche Reich und die österreichischen Erblande bis 1806 sowie kaiserlich österreichische bis 1823, Schloß Senftenegg, Niederösterreich, A.-E. 1967
- Sparber, Anselm: Die Brixner Fürstbischöfe im Mittelalter Bozen, 1968
- Weingartner, Josef, Hörmann-Weingartner Magdalena: Die Burgen Tirols, Ein Burgenführer durch Nord-, Ost- und Südtirol, 3. Aufl., Innsbruck (u.a.) 1981
- Gelmi, Josef: Die Brixner Bischöfe in der Geschichte Tirols, Bozen 1984
- Finsterwalder, Karl: Tiroler Familiennamenkunde, Innsbruck 1994
- Ausst. Kat: Eines Fürsten Traum, Dorf Tirol 1995
- Südtiroler Burgeninstitut (Hrsg.): Südtiroler Burgenkarte, mit Burgenführer und Detailkarten, Bozen 1995
Autor: Bernhard Andergassen |